Erziehung : Wenn Kinder beißen...

Viele Kinder sind aggressiv gegen andere. Ein Erziehungsberater erklärt, wann das bedenklich ist und was Eltern und Erzieher tun können.

svz.de von
14. November 2014, 20:59 Uhr

Das Mädchen lächelt. Scheinbar liebevoll umarmt es seine Spielkameradin im Kindergarten – doch plötzlich schreit die gellend auf. Das Mädchen hat gebissen. „Ganz viele Kinder tun das“, weiß Jörg Damberg, Leiter einer Erziehungsberatung – wobei Beißen nur eine Form von Aggressionen wie treten, kratzen und kneifen ist. Und die sind „fast normal“, sagt der Diplom-Psychologe. „Ärger, Wut und Zorn sind Grundgefühle, die dazugehören, und es ist kein Grund zur Besorgnis, wenn ein Kind vereinzelt beißt oder schlägt.“ Allerdings: „Wenn Kinder es über eine längere Zeit immer wieder tun, muss man hellhörig werden.“

Konkrete Auslöser für die Wut sind meist Kränkungen, Enttäuschungen oder Grenzüberschreitungen; Gründe für die Aggression kann es viele geben. Manchmal ist beißen lediglich eine spielerische Kontaktaufnahme. Meistens aber sind familiäre Einflüsse wie widersprüchliche Anweisungen, zu viele oder zu wenige Verbote und dadurch fehlende soziale Orientierung schuld an der Angriffslust der Kinder. Geben Eltern etwa keine klaren Regeln vor, versuchen Kinder besonders oft, ihre Grenzen auszuloten, erläutert Damberg. Krisen in der Familie, etwa Trennung, häufiger Streit und Gewalt, können ebenso Auslöser sein wie verunsichernde Ereignisse wie Umzug, Einschulung oder die Geburt eines Geschwisterkindes. Und Kinder, die emotional zu kurz kommen oder nur noch negativ wahrgenommen werden, reagieren aggressiv.

„Kinder haben nicht die Möglichkeit, alles in Worte zu fassen – sie drücken sich dann eher über Körperlichkeit aus“, erklärt Damberg. Eltern sollten nach den Ursachen forschen – sich etwa überlegen, ob etwas Außergewöhnliches vorgefallen ist und das Kind fragen, was los ist. Außerdem sei es wichtig, immer wieder anzuregen, wie sich Konflikte ohne Gewalt lösen lassen, und – natürlich – selbst keine Gewalt einzusetzen.

Doch was tun, wenn ein Kind das andere gerade gebissen hat? „Die Kinder sofort voneinander trennen und dem beißenden Kind auf Augenhöhe ruhig, aber klar und bestimmt sagen, dass das nicht geht“, rät Damberg. Wichtig: „Nicht schimpfen, meckern, bestrafen!“ Denn ist die Reaktion auf seine Aggression zu heftig, erfährt das Kind, dass es damit nicht nur andere Kinder beherrscht, sondern auch viel – wenn auch negative – Aufmerksamkeit bekommt. „Schimpfen ist oft ein Verstärker für das fehlerhafte Verhalten“, erklärt Damberg.

Besser als das aggressive Kind in den Mittelpunkt zu stellen, sei es also, sich dem Opfer zuzuwenden, erläutert der Erziehungsberater. Allerdings: Ignorieren sollte man das Verhalten auch auf keinen Fall. „Das versteht ein Kind als Zustimmung“, sagt Damberg. Gut sei, es zur Wiedergutmachung anzuhalten, ihm etwa vorzuschlagen, dass es sich entschuldigt.

Übrigens: Erzieher oder Eltern sollten Bisswunden nicht auf die leichte Schulter nehmen, warnt der Kieler Kinderarzt Ulrich Gidion. „Durch Menschenbisse können eine Vielzahl Bakterien übertragen werden, die lokale Infektionen auslösen.“ Er rät, eine offene Wunde – häufig sind kleine Verletzungen leider schwer zu erkennen – zu desinfizieren und von einem Arzt ansehen zu lassen. „Nicht zu selten müssen je nach Ausprägung der Bissverletzung Antibiotika angewendet werden“, weiß Gidion.

Ein Trost für Eltern: Aggressives Verhalten nimmt in den ersten drei Lebensjahren zwar ununterbrochen zu, sagt Damberg. „Aber ab etwa drei Jahren gewinnen Kinder zunehmend die Einsicht, dass es bessere Möglichkeiten gibt.“

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