Diabetes Typ 1 : Wenn jeder Happen fürs Leben zählt

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An Diabetes Typ 1 erkranken besonders viele Kinder. Für sie und ihre Familien bedeutet es ein anderes Leben. Wie man das meistert, zeigt Talea (5).

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18. April 2015, 08:43 Uhr

„Mama, ich hab gemessen. 124. Darf ich einen Schokotaler?“ Talea sitzt im geblümten Kleid auf der Sofakante, und als ihre Mutter verneint, zieht sie kurz eine Flunsch – um dann fröhlich weiterzuplappern. Talea hat Diabetes Typ 1. Sie muss sehr oft ihren Blutzuckerwert messen. Und sie muss immer darauf achten, was sie isst.

Tausende Kinder und Jugendliche in Deutschland haben die Krankheit. Es werden immer mehr und sie werden immer jünger – die Gründe dafür sind noch unklar. Klar ist aber: Im Gegensatz zu Diabetes Typ 2 erkranken besonders viele Kinder (90 Prozent der zuckerkranken Kinder haben Typ 1). Und: Eine Lebensstiländerung, etwa gesunde Ernährung, beeinflusst den Typ 1 im Gegensatz zu dem zum Teil durch Übergewicht ausgelösten Typ 2 nicht. „Es ist wichtig zu wissen, dass Eltern und Kinder keine Schuld am Ausbruch der Erkrankung tragen“, betont Dr. Simone von Sengbusch, Kinderdiabetes-Lotsin. „Die Diagnose ist eine erheblicher Eingriff in das Leben der ganzen Familie.“

Das haben auch Carmen Hoeck (34) und ihre Tochter Talea erfahren. Es war kurz nach Taleas zweitem Geburtstag, als die Alleinerziehende merkte, dass etwas mit ihrem Kind nicht stimmte. Talea war wochenlang krank, hatte einen Infekt nach dem anderen. „Eines Morgens stand sie vom Frühstückstisch auf, legte sich auf den Boden, schlief wieder ein und war nicht mehr wach zu kriegen“, erinnert sich Carmen Hoeck. Im Krankenhaus lag der Blutzucker bei schwindelerregenden 482 mg/dl. Taleas Blut war übersäuert – sie war quasi vergiftet. Drei Tage war ihr Zustand kritisch.

Doch Talea schaffte es – und es begann ein Alltag, der sie ein Leben lang begleiten wird. Talea muss zwar auf nichts verzichten – aber jeden Happen planen. Nur Gemüse, Fleisch und Fisch darf sie essen ohne darüber nachzudenken. Alles, worin Kohlenhydrate stecken – Brot und Obst, Haferflocken und Milch, Nudeln und Schokolade – wiegt Taleas Mutter ab und rechnet aus, wie viel Insulin ihre Tochter dafür bekommt. Bis zu einem Dutzend Mal pro Tag misst Talea ihren Wert mit einem Piks in den Finger. Ist er zu niedrig, gibt es Traubenzucker oder Saft. Ist er zu hoch, gibt ihr Carmen Hoeck über eine Pumpe, die Talea am Körper trägt, Insulin ins Blut – fünf bis sieben Mal am Tag, drei bis vier Mal nachts.

Doch nicht nur Essen, auch Sport, Stress, Aufregung oder Krankheit beeinflussen Taleas Blutzuckerspiegel. Ein Alltag, der an der Unbeschwertheit nagt. „Wir sind daran gewöhnt“, sagt Carmen Hoeck. „Aber es gibt auch schwierige Tage.“ Wenn die Nacht schlecht war. Wenn Talea krank ist. „Am schlimmsten ist Magen-Darm. Erklären Sie mal einem Kind, das sich gerade übergeben hat, dass es jetzt Traubenzucker essen muss.“ Dennoch: „Talea macht alles tapfer mit. Natürlich stört es sie, wenn sie erst messen muss und die anderen schon lostoben. Aber sie kennt es nicht anders.“

Ein „Segen“ sei ihr Netzwerk: Taleas Großeltern wohnen nebenan, ihre Erzieherinnen im Kindergarten bedienen die Insulinpumpe, ihre Freunde erinnern sie an ihre Tasche mit Messgeräten, Traubenzucker und Notfallspritze. „Es ist ein ganz großes Glück, dass sie nicht ausgegrenzt wird. Ohne Rückhalt wäre es eine Katastrophe“, sagt Carmen Hoeck. Talea steht jetzt strahlend vor ihrer Mutter. „Ich hab 114. Darf ich zu Oma rüber?“, fragt sie. Und schiebt hinterher: „Ich nehme auch mein Messgerät und Traubenzucker mit.“

Allgemeine Infos: www.diabetesde.org, www.diabetes-kids.de, www.diabetes-online.de, www.diabetikerbund.de

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