Phänomene : Wenn der Zahn bröckelt

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Eine rätselhaftes Phänomen lässt Eltern verzweifeln: Die ersten bleibenden Zähne ihrer Sprösslinge kommen kaputt heraus – aber warum nur?

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14. März 2015, 07:56 Uhr

Die Mutter hatte alles richtig gemacht, immer darauf geachtet, dass ihr Kind seine Zähne putzt – und jetzt das: Die ersten bleibenden Zähne waren braun und spröde – total kaputt.

Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, kurz MIH, nennt sich das Phänomen: Der Schmelz bleibender Zähne ist gestört, meist sind die Backenzähne betroffen. Der Hintergrund: Während der Bildungsphase des Zahnschmelzes in den ersten drei Lebensjahren des Kindes werden zu wenige Mineralien produziert. Wenn die bleibenden Zähne mit Beginn des Schulalters dann durchbrechen, ist der Zahnschmelz weich und brüchig oder fehlt sogar ganz. Folge: Die Zähne sind gelb oder braun verfärbt, empfindlich und porös. In Deutschland sind sechs bis 15 Prozent der Kinder betroffen.

Bei etwa der Hälfte der Patienten deuten lediglich kleine Verfärbungen auf MIH hin – die Kinder merken davon nichts, der Zahn ist stabil, eine Behandlung nicht nötig. Beim Rest ist der Zahn so mürbe, dass er eine Füllung braucht. In Einzelfällen muss er überkront oder sogar gezogen werden. „Viele Eltern sind verzweifelt“, weiß Ulrich Schiffner, Professor für Zahnheilkunde an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, bei dem die schweren Fälle landen. „Sie haben Schuldgefühle, dabei trifft sie keine Schuld.“ Aber wen trifft die Schuld? „Wir wissen es nicht“, sagt Schiffner. Es gibt viele Vermutungen, was die Bildung des Zahnschmelzes stört – eine zufriedenstellende Erklärung aber existiert bisher für keine. Immerhin wurden einige Verdächtige wie Weichmacher und Dioxine in der Muttermilch wieder aussortiert.

Übrig geblieben sind als mögliche Risikofaktoren: Die Einnahme von Antibiotika, eine Erkrankung der Mutter in der Schwangerschaft, eine ernsthafte Krankheit des Kindes sowie eine schwere Geburt – mitsamt den Behandlungen. Hier haben mehrere Studien Zusammenhänge mit der MIH gezeigt – allerdings gibt es auch Daten, die dagegen sprechen. So verzeichnet jene Region Deutschlands mit der niedrigsten MIH-Rate die höchste Antibiotika-Anwendung.

Auch die Kinderzahnärztin Sabine Runge zweifelt an der Antibiotika-These. „In Indien hatten die Kinder auch MIH. Niemand hatte je Antibiotika bekommen.“ Zusammen mit 15 Kolleginnen erstellt Sabine Runge zur Zeit eine interne Studie. Jeder Betroffene bekommt in den Praxen einen ausführlichen Fragebogen – weit über 250 Fälle haben die Ärztinnen auf diese Weise bereits dokumentiert, in den kommenden Monaten wollen sie die Daten auswerten. Eine Prognose wagt Runge nicht, aber „ich habe den Eindruck, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Wir sehen MIH oft bei Eltern von Patienten, und häufig sind auch deren Geschwister betroffen.“

Doch warum entdeckt man MIH erst jetzt? Zahnmediziner gehen davon aus, dass die Schmelzstörung bisher von Karies überlagert wurde. Die Kariesfälle gehen seit Jahren zurück – und plötzlich fallen die braunen Stellen auf. Auch die Sensibilisierung der Zahnärzte spielt womöglich eine Rolle. Ganz neu scheint das Phänomen jedenfalls nicht zu sein „Ich habe das in den 90ern auch schon gesehen. Bloß gab es damals noch keine Erklärung dafür“, berichtet Sabine Runge. Wahrscheinlich ist aber, dass MIH zugenommen hat.

Was können Eltern tun? Regelmäßig mit ihren Kindern zum Zahnarzt gehen, gut putzen. Zwar hilft das Putzen nicht gegen MIH, aber da die betroffenen Zähne oft empfindlicher sind, werden sie auch ungern gereinigt – und dann von Karies befallen. „Eine echte Vorsorge können wir aber nicht bieten, weil wir die Ursache nicht kennen“, räumt Ulrich Schiffner ein. Die Suche wird nicht einfacher: Mittlerweile haben Zahnärzte die Schmelzstörung auch in Milchgebissen gefunden.

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