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Veränderungen im Familienleben : Wenn das Nest plötzlich leer ist

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wenn das letzte Kind das Heim verlässt, bricht für die Eltern oft eine schwere Zeit an.

svz.de von
erstellt am 09.Jul.2017 | 08:00 Uhr

Die Vögel haben es vergleichsweise gut. Einige Wochen wird gebrütet, dann schlüpfen die kleinen Vogelkinder und reißen den Schlund auf. In dieser Zeit bringen die Eltern Nahrung in das Nest hinein und Kot sowie andere Verschmutzungen aus dem Nest wieder heraus. Dabei zwitschern sie fleißig herum, damit aus dem „piepiep“ ihrer Kleinen einmal echter Vogelgesang wird. Nach wenigen Wochen wird der Nachwuchs flügge, das Nest ist leer, und die Eltern können durchatmen und den Sommer genießen. Oder fangen einfach noch einmal von vorn an.

Ähnlich schlimm wie Job-Verlust

Bei Menschenkindern ist das ein wenig anders. Bis sie laufen können, vergeht ein Jahr. Sie schreien zunächst nächtelang, spucken ihren Brei wieder aus und lernen nur sehr allmählich „Mama“ und „gaga“ zu sagen, bevor ein gutes Jahrzehnt später auch „Vollspacken“ und „krassgeil“ dazukommen. Das Nest wirklich sauber zu halten, gelingt den wenigsten Eltern. Und bis die Nestbeschmutzer flügge werden, vergehen je nach Typ 17 bis 30 Jahre, in denen die Eltern zunächst ihre physischen und später ihr psychischen Grenzen kennenlernen. Wenn das Nest am Ende leer ist, sind es die Eltern oft auch.

Geahnt hat man das schon immer irgendwie, und nun ist es wissenschaftlich bewiesen: Der Sozioökonom Alan Piper von der Universität Flensburg hat die umfangreichen Daten des Sozio-oekonomischen Panels ausgewertet, für das seit 1984 jährlich rund 12  000 Menschen zu ihren Lebensumständen befragt werden. „Das empty-nest-Syndrom ist kein Mythos, die Lebenszufriedenheit sinkt bei den meisten Müttern und Vätern sehr stark, wenn das letzte Kind auszieht“, so Pipers Fazit. Eltern mit Kindern im Haushalt stuften ihre Zufriedenheit auf einer Skala von 1 (sehr gering) bis 10 (sehr hoch) in der Befragung bei 7,1 ein. Nach dem Auszug des letzten Kindes sinkt die Lebenszufriedenheit dann durchschnittlich um elf Prozent – ein Rückgang, der fast genauso stark ist wie bei dem Verlust des Arbeitsplatzes.

Das sollte man ernst nehmen, meint Piper. Das „empty-nest-Syndrom“ dürfe nicht als Psychogequatsch abgetan werden. „Es belastet sehr viele Menschen. Und das kann durchaus gefährlich werden und bis hin zu Depressionen gehen.“ Immerhin gaben bei den „empty nestern“ rund vier mal so viele Befragte an, null Lebenszufriedenheit zu haben, wie bei den Eltern mit Kindern im Haushalt.

Dabei sind es nicht die traditionell stärker mit der Aufzucht betrauten Mütter, die am stärksten leiden, sondern die Väter, erzählt Alan Piper. Sie scheinen sich mit der neuen Rolle und dem Identitätswechsel vom fürsorglichen Vater zum potentiellen Opa noch schwerer zu tun.

Mütter trifft es dagegen besonders hart, wenn sie alleinerziehend sind. Überhaupt ist eine glückliche Ehe den Daten zufolge das beste Rezept gegen den Kinder-Blues. Daneben, so zeigen es andere Studien, helfen gut gepflegte Hobbys, soziale Kontakte und auch: das Reden darüber.

Die Segnungen der modernen Kommunikationsmittel scheinen die Verlustgefühle dagegen nicht zu lindern. Als Piper und seine Kollegen die Angaben der Eltern nach dem Siegeszug des Internets mit den Daten davor verglichen, stellten sie keinen Unterschied fest.

Glücklich nach dem Abflug

Dass die Kinder über Whatsapp, Facebook & Co heute prinzipiell jederzeit erreichbar sind, macht es nicht besser. „Vielleicht ist man besonders traurig, wenn die Kinder sich nicht so oft melden, obwohl es so einfache Wege dafür gäbe“, sagt Piper. Und vielleicht mache es Sorgen auch nicht gerade kleiner, wenn man das Studentenleben bei Facebook oder Instagram quasi live verfolgen könne.

Einen Lichtblick gibt es aber doch: Die Gruppe derer, die der eigenen Lebensqualität die volle Punktzahl gab, war bei den „empty nestern“ fast genauso groß wie bei den Eltern mit Kindern im Haushalt. Es scheint sie also zu geben: die Eltern, die das selbstbestimmte Leben und das saubere Nest nach dem Abflug der Kinder genießen können – frei wie ein Vogel.

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