Interview zum Thema Erziehung : „Weg mit der Angst!“

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Die Hamburger Elterntrainerin Uta Allgaier findet Erziehung leicht – und erklärt, wieso.

svz.de von
12. März 2016, 16:00 Uhr

Frau Allgaier, Sie behaupten, dass Erziehen leicht sein kann. Was machen denn Eltern falsch, die das nicht so empfinden?

Ich würde nicht von richtig und falsch sprechen. Aber oft sind es Stressprobleme, die durch die vielen Anforderungen von Job, Beziehung und Kindern entstehen. Übrigens: Ich habe auch nicht immer so gedacht. Mein Blog ist ja aus dem Gefühl heraus entstanden, dass Erziehung schwierig ist.

Was war das Problem?

Mich hat die Angst gestresst, etwas falsch zu machen. Diese riesigen Erwartungen an Eltern machen es schwer.

Und warum geht es Ihnen heute besser?

Ich stresse mich nicht mehr, bin selbstbewusster und vertraue meiner Intuition. Wir unterstützen die Kinder und achten gleichzeitig auf unsere eigenen Grenzen. Inzwischen ist es einfach nur schön.

Sie schreiben, ein Schlüsselerlebnis war die Erkenntnis, dass man sein Kind nicht erziehen, sondern unterstützen sollte. Wie meinen Sie das?

Dass man nicht versucht sein Kind zu ändern, sondern es – gelassen, respektvoll und interessiert – darin unterstützt, der Mensch zu werden, der in ihm angelegt ist. Man sollte nicht alles regeln wollen, zum Beispiel auch nicht Geschwisterstreit. Und man sollte sein Kind nicht nötigen etwas abzugeben, sich zu entschuldigen, aufzuräumen oder die Mütze anzuziehen... es wird auf viele Erkenntnisse von selbst kommen.

Aber muss man seinem Kind nicht Sauberkeit, gute Manieren oder Großzügigkeit beibringen?

Die Erwachsenen müssen seinem Kind klar sagen: Dies oder jenes geht für mich nicht und ich will, dass du dir die Zähne putzt. Natürlich braucht das Zusammenleben gewisse Regeln – ich bin ja nicht für anti-autoritäre Erziehung. Aber je größer Kinder werden, umso mehr sollte ich sie in die Gestaltung des Alltags einbeziehen. Am nachhaltigsten werden sie sowieso durch unser Vorbild geprägt.

Sie bieten Elterntraining an. Was sind dort die häufigsten Sorgen?

Konkret sind Hauptprobleme bei jüngeren Kindern, dass sie nicht ins Bett gehen wollen oder morgens trödeln.

Und wie geht man damit um?

Indem man klar ist, denn Kinder spüren Unsicherheit. Man muss sagen: ,Ich brauche, dass wir pünktlich aus dem Haus gehen.’ Und dann muss man auch mal ertragen, dass das Kind zu spät zur Schule kommt oder sich im Kindergarten anziehen muss – das wird es nicht oft machen. Manchmal erwarten Eltern aber auch zu viel von ihren Kindern. Sie wollen, dass alles wie am Schnürchen klappt und die Kinder funktionieren wie Erwachsene: sich schnell anziehen, die Sachen packen... Aber ein Vierjähriger ist damit noch überfordert. Es geht an seiner Lebenswelt vorbei, denn die ist oft noch sehr verträumt. Manchmal hilft es in dem Fall schon, die Kinder eine halbe Stunde früher zu wecken.

Kann der Alltag denn wirklich immer harmonisch ablaufen? Manchmal hat das Kind vielleicht einfach eine Trotzphase.

Es ist hilfreich, Schwierigkeiten nicht nur mit der angeblichen Trotzphase abzubügeln. Wenn Kinder ständig Rabatz machen, ist es ein Hinweis darauf, dass etwas falsch läuft im Miteinander. Wichtig ist, dass man nicht dem Kind die Schuld gibt, sondern als Familie guckt, was nicht funktioniert.

Haben Sie ein Beispiel?

Ein kleiner Junge fügte sich im Kindergarten nicht ein und benutzte viele Schimpfwörter. Es stellte sich heraus, dass er mehr Möglichkeiten brauchte sich auszutoben und zu bewegen. Als er das bekam, wurde es besser.

Bitte noch einen letzten Tipp.

Lassen Sie die Liebe fließen. Erziehen darf leicht sein. Weg mit der Angst!


Uta Allgaier (51) schreibt seit vier Jahren den Blog „Wer ist eigentlich dran mit Katzenklo?“. Aus den besten Beiträgen ist ihr Buch „Doch! Erziehen kann leicht sein“ entstanden (Ellert & Richter, 14,95 ¤, ISBN 978-3831906192.) Uta Allgaier hat einen Sohn (18) und eine Tochter (15).

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