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Buch-Tipp : „Was sollen die Leute denken!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Erziehungsweisheiten sind allgegenwärtig – aber selten wirklich hilfreich / Autorenpaar empfiehlt unkonventionelle Lösungen

Wer kennt diese Sprüche nicht: „Zappel nicht so herum“, „Das tut man nicht“, „Ich zähl’ bis drei ...“. Manche Erziehungsweisheiten sind ebenso wenig totzukriegen wie Überschwemmungen im Badezimmer oder Bauchweh nach Kindergeburtstagen. Doch sind sie auch wirklich alltagstauglich? Julia Heilmann und Thomas Lindemann haben die gängigen Sätze auf den Prüfstand gestellt – und viele als Unfug entlarvt. In ihrem amüsanten Ratgeber „Alle Eltern können schlafen lernen“ plädiert das Autorenpaar für unkonventionelle Lösungen und plaudert dabei aus seinem eigenen Alltag mit drei Kindern. Hier fünf Beispiele-Sätze, die eigentlich keiner braucht:

„Ich zähl’ bis drei...“

Das Runterzählen hilft den Eltern vielleicht beim Durchatmen oder beim Aufbauen einer ordentlichen Drohkulisse – was oft sogar zum gewünschten Ziel führt. Das Problem ist jedoch: Bei diesem hohlen Ritual weiß das Kind genau, dass es vor „drei“ sowieso nichts zu unternehmen braucht.

Vorschlag: Kraftlose Ermahnungen reduzieren, nach konkreten Lösungen suchen. Kann das Kind beispielsweise schon die Uhr lesen? Dann wäre die erste eigene Uhr doch eine gute Gelegenheit, das Zeitgefühl zu schärfen.

„In Afrika hungern die Kinder – die wären froh, wenn sie dein Essen hätten.“

Die Afrika-Keule. Gut gemeint, verfehlt sie doch meist ihr gewünschte Wirkung. Denn: Afrika ist weit weg. Und das Kind kann sich in der Regel nicht vorstellen, was der doofe Spinat mit dem Hunger in fernen Ländern tun haben soll.

Vorschlag: Weniger über das Essen reden, gute Ernährung vorleben, mehr Selbstauswahl zulassen. Denn: Wer ständig Zwang ausübt, läuft Gefahr, dass sich die Verweigerungshaltung des Kindes nur noch verfestigt. Oft klappt es plötzlich doch mit Brokkoli oder Vollkornnudeln, wenn man es nicht mehr krampfhaft versucht.

„Wenn du jetzt nicht kommst, geh’ ich allein.“

Eltern, die noch nicht versucht haben, ihr bockiges Kind mit dieser Drohung zum Aufbruch zu bewegen, sind wohl in der Minderheit. Ein eher hilfloser Spruch, der mal mehr und mal weniger zum Erfolg führt. Eines funktioniert damit aber garantiert: Das Kind wird in Angst versetzt und geht davon aus, dass die Eltern es im Zweifel auch allein lassen würden. Wenn man Pech hat, zieht es in einer anderen Situation dann selbst allein los, ohne Bescheid zu sagen, nur weil man gerade für Sekunden außer Sichtweite war.

Vorschlag: Eine klare Ansage machen, Körperkontakt herstellen, die Botschaft wiederholen. Zwar klappt auch das nicht immer auf Anhieb, ist jedoch die verträglichere Alternative. Und: Leiser statt lauter werden wirkt manchmal Wunder.

„Was sollen die Leute denken!“

Das Kind sagt bestimmten Menschen nicht „Guten Tag“. Die Eltern nehmen es beiseite und fragen: „Sollen die Leute denken, dass du schlecht erzogen bist?“ Das Kind reagiert nicht oder bekommt ein schlechtes Gewissen – und presst beim nächsten Mal den Gruß heraus.

Vorschlag: Eigene Unsicherheiten hinterfragen. Kann es sein, dass das Kind einfach nur adäquat auf Leute reagiert, die ihm weniger zugewandt sind als andere? Ist es wirklich so schlimm, öfter mal nach seinem Gefühl zu handeln? Vielen Eltern fällt es verständlicherweise schwer, sich etwas mehr von der Beurteilung anderer Leute zu lösen. Umso befreiender kann es sein, das eigene Kind möglichst lange von sinnfreien Konventionen fernzuhalten. Denn die wird es noch früh genug erleben.

„Wenn jemand sagt: ,Spring’ aus dem Fenster!’ Springst du dann?“

Das Kind macht einen Aufstand, weil es bei Regen Gummistiefel anziehen soll, obwohl der Leon aus der Kita trotzdem immer noch seine coolen Turnschuhe tragen darf. Der Nachmach-Spruch ist gemein, denn er soll scheinbar auf das kritische Denkvermögen des Kindes abzielen, meint aber das Gegenteil: Bitte stur den elterlichen Anweisungen folgen! Ergebnis: Das Kind meutert erst recht.

Vorschlag: Lieber gleich ein klares „Nein“ aussprechen und eine verständliche Begründung mitliefern. Wobei „klar“ nicht gleich „militärisch“ bedeutet. Spielerische Absprachen versprechen in der Regel mehr Erfolg als reine Befehle. Das gleiche gilt für den Fall, dass das Kind die Eltern fragt: „Warum dürft ihr das und ich nicht?“ Natürlich dürfen Eltern Privilegien haben. Eine kurze Erklärung oder Vereinbarung ist dabei bloß hilfreicher als der Satz: „So spricht man nicht mit seinem Vater!“

Julia Heilmann/

Thomas Lindemann:

„Alle Eltern können

schlafen lernen“,

Hoffmann &

Campe 2014,

ISBN: 978-3-

455-700001-5,
16,99 Euro


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von
erstellt am 11.Jun.2014 | 16:41 Uhr

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