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Eltern und Kind

24. September 2017 | 05:17 Uhr

Job und Familie : Vereinbarkeit? Vergesst es!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eltern wollen Kind und Beruf unter einen Hut bringen. Sie wollen zu viel.

svz.de von
erstellt am 05.Feb.2017 | 09:00 Uhr

Es muss doch gehen! Nicht nur Kinder zu haben und zu arbeiten, das geht ja meistens irgendwie. Aber es auch gut hinzubekommen. Job und Nachwuchs „unter einen Hut zu kriegen“, wie man so schön sagt. Alle wollen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und schimpfen, dass es so schwer ist. Oder kennen Sie jemanden, der sagt: „Also, bei uns flutscht das mit den Kleinen in der Kita und unseren Jobs! Herrlich!“? Und wissen Sie, warum das keiner sagt? Weil es eben nicht geht.

Dabei sind ja die Möglichkeiten so gut wie nie zuvor – wir haben flexible Elternzeit, Elterngeld, einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz, und die Kitas dehnen ihre Betreuungszeiten immer weiter aus – , und dennoch ist die Kritik so groß wie nie. Das ist normal, weil das Problem momentan im Fokus steht und nur deshalb so intensiv als solches wahrgenommen wird. Es ist auch gut, weil auf diese Weise der Druck entsteht, noch mehr zu verbessern.

Nur lösen wird man es nie. Man kann die Rahmenbedingungen weiter optimieren, ja. Kostenlose Kitas, noch bessere Betreuungszeiten, noch flexiblere Arbeitszeiten, alles gut und wichtig.

Aber selbst, wenn all das gegeben ist, stoßen wir Eltern an Grenzen.

Weil unser Kind krank ist und wir schon wieder zu Hause bleiben müssen. Weil ein beruflicher Termin nur am Nachmittag möglich ist, der Oma-Sitter aber Urlaub macht. Weil wir endlich Feierabend haben und eigentlich Zeit, unsere Gedanken aber immer noch um den Job kreisen. Weil wir gern zur Schulaufführung gehen würden, aber einen Sack voll Arbeit haben. Weil das Kind krank ist. Weil wir beim Türmchenbauen die Arbeitsmails checken. Weil wir ständig hetzen, um nicht zu spät zu kommen – zur Kita, zur Arbeit, zur Kita. Weil das Kind krank ist.

Meine Freunde und Bekannten beklagen sich in der Regel nicht über kurze Betreuungszeiten oder darüber, dass sie nicht von zu Hause aus arbeiten dürfen. Nein, die haben einfach alltäglichen Stress. Und viele, sehr viele sind hin- und hergerissen zwischen Job und Kind, obwohl sie beides „irgendwie hinbekommen“. Sie würden gern mehr bei der Arbeit schaffen, aber sie wollen auch mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihre Arbeitszeit aufstocken und sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie es nicht tun. Und wenn sie das Kind mit Husten in die Kita schicken, weil sie im Büro nicht fehlen möchten, sowieso.

Doch der Tag hat nunmal nur 24 Stunden. Wer ehrgeizig im Job ist und viel Zeit für seine Kinder haben möchte, hat ein Problem. Und das liegt nicht an Kitazeiten und Home Office.

Jüngst sagte eine Freundin zu mir: „Mütter müssen so perfekt sein! Sie sollen den Job toll hinkriegen, eine gute Partnerin sein, die Kinder liebevoll erziehen, den Haushalt schmeißen, immer eine saubere Wohnung haben und am besten noch leckeren Kuchen fürs Kita-Fest backen und nebenbei schicke Sachen für ihre Kleinen nähen.“

Vätern ergeht es nicht viel anders: Sie arbeiten in der Regel voll und sollen danach noch die Kinder bespaßen und im Haushalt helfen.

Ja, wir erwarten nichts weniger von uns als Superpapa und Supermama. Mit dem Ergebnis, dass wir erschöpft sind und trotzdem zu wenig Zeit haben. Dabei ist es doch so: Egal, für welches Arbeitszeitmodell und welche Kitazeiten wir uns entscheiden: Wir werden es nie herrlich hinbekommen. Sondern immer nur bestmöglich. Damit sollten wir zufrieden sein.

Worte zur sache
Gerade ist unsere Enkelin ein Jahr geworden. Die Zeiten, als die kleine Raupe Nimmersatt meistens schlief oder dort sitzen blieb, wo man sie hingesetzt hatte, sind endgültig vorbei. Jetzt rennen Opa und Oma unermüdlich hinter dem kleinen Wesen her. Kaum aus den Augen verloren, unter einen Beistelltisch oder hinter dem Sofa abgetaucht, ist die kleine Dame plötzlich nicht mehr wiederzufinden. Während sie sonst fast permanent einen niedlichen Sprachwirrwarr zwischen ungarisch und finnisch von sich gibt, kommt jetzt kein Ton von der Kleinen. Oma bleibt das Herz stehen: Wo ist das Kind denn bloß abgeblieben? Zum Glück findet sich unter dem Tisch ein Spielzeug, das auf Knopfdruck Geräusche macht, und da kann unsere neugierige Enkelin nicht widerstehen. Fleißig werden die ersten eigenen Schritte geprobt. Die Distanz zwischen Küche und Arbeitszimmer wird schon allein gemeistert. Lieblingsdisziplin ist die Umrundung des Couchtisches. Mit einer Hand an der Holzplatte dreht das Energiebündel Runde um Runde. Fast genauso beliebt ist das Klettern von Schoß zu Schoß. Unermüdlich klettert sie von Opa runter, auf Oma drauf und wieder andersherum. Nach zwei bis drei Stunden scheint der Energievorrat dann doch aufgebraucht zu sein. Opa schläft schon erschöpft auf dem Fernsehsessel, die Kleine liegt auf seinem Bauch und schlummert ebenso selig. Nun kann sich Oma um die Wäsche im Keller kümmern, die wartet nämlich schon zwei Tage darauf, dass sie jemand zum Trocknen aufhängt. Annette Symanczyk

 

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