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Lesertelefon : Schrittweise zurück ins Leben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wer am Abgrund steht, braucht Hilfe: Experten beantworteten gestern Fragen zur Suizidprävention.

von
erstellt am 07.Sep.2016 | 05:00 Uhr

Senden Menschen vor einem Suizid immer Signale?

In der suizidalen Krise senden Betroffene immer Notsignale. Diese müssen jedoch verstanden und gedeutet werden. Das ist nicht immer einfach und manchmal schwer möglich. Häufig werden die Signale nicht bewusst als Zeichen, sondern als Lebensäußerungen gesendet, die sowohl das eine, als auch das andere bedeuten können. Nur in ihrer Gesamtheit kann man die Bedeutung für den Betroffenen verstehen. Das jedoch setzt eine enge Beziehung, ein offenes Ohr und eine Bereitschaft für die Thematik des anderen voraus.

Was sind solche Signale?

In der Regel bestehen die Signale immer in Veränderungen, die nicht so ohne weiteres zu erklären sind. Das ist zum Beispiel auffälliges Verhalten wie Schule schwänzen, Weglaufen von Zuhause, Kontaktabbrüche, der Rückzug in das eigene Zimmer, akute Interesselosigkeit an schönen, bisher geliebten Dingen, Veränderungen in der schulischen Leistung…

Auch körperliche Symptome wie Störungen im Essverhalten, andauernde Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Schmerzen ohne Ursache können Signale für eine tiefe Krise sein.

Direkte verbale Äußerungen von Jugendlichen im Zusammenhang mit dem Tod und der eigenen Beerdigung sind immer ein deutlicher Hinweis dafür, dass der junge Mensch sich gedanklich mit dem Thema beschäftigt. Solche Äußerungen enthalten oft versteckte, verschlüsselte Hinweise, die in ihrer Bedeutung aufgedeckt und verstanden werden sollen von der Person, zu der sie gesagt wurden. Gleiches gilt für schriftliche Botschaften wie Notizen, Symbole und Zeichen. Ein weiteres, sehr deutliches Signal ist die praktische Vorbereitung zum Suizidversuch wie das Sammeln von Tabletten, das Kaufen eines Seiles, die Beschäftigung mit dem Zugfahrplan etc..

In der Pubertät haben Jugendliche häufig Stimmungsschwankungen und sind extrem eigenwillig. Wann muss ich mir Sorgen machen?

Es ist immer dann höchste Aufmerksamkeit geboten, wenn Veränderungen eintreten, die nicht erklärbar sind und hinter denen keine bewusste Entscheidung ihres Kindes steht. Sorgen müssen Sie sich auch machen, wenn Sie momentan nicht wirklich in einer guten Beziehung zu Ihrem Kind sind. Wenn Sie nicht mehr wissen, womit Ihr Kind sich beschäftigt, was es fühlt und wie es ihm/ihr geht. Das ist manchmal so. Solche Situationen sind nicht nur für Sie selber schlecht auszuhalten, sondern auch für Ihr Kind. Da kann es manchmal gut sein, mit Hilfe eines Dritten, einem Mitarbeiter aus den Beratungsstellen oder einem Seelsorger zu sprechen und gemeinsam zu überlegen, wie sich die Situation verändern kann.

Die Freundin meines Sohnes hat ihn verlassen. Nun zieht er sich zurück und will mit niemandem darüber reden. Was kann ich tun?

Häufig können sich gerade junge Menschen schwer vorstellen, dass das Leben nach der ersten großen Liebe weitergeht. Dies müssen sie erst lernen und erleben. Da braucht es Zeit und Menschen an der Seite, die einfühlsam auf diese schwere Verlusterfahrung eingehen. Ihr Sohn trauert. Es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit Trauer. Jeder trauert anders auf seine Weise. Sagen Sie Ihrem Sohn, dass Sie für ihn da sind, wenn er es möchte. Vielleicht ist es auch hilfreich, wenn Sie Ihren Sohn einladen, mit Ihnen gemeinsam etwas zu unternehmen. Bei solchen Gelegenheiten haben Sie Zeit zum Reden. Aber überlassen Sie ihm die Entscheidung, was und wie viel er Ihnen erzählt.

Manchmal wollen Kinder aber auch nicht mit den Eltern über solche Dinge reden. Da können Freunde helfen. Auch ein anonymes Gespräch mit der Telefonseelsorge kann Entlastung bringen und ein Schritt zum Weiterleben sein.

Ich habe Angst um meine Tochter. Sie sagt, sie kann nicht mehr. Was kann ich tun?

Es ist richtig, dass Sie die Aussage ihrer Tochter ernst nehmen. Fragen sie Ihre Tochter, was genau sie nicht mehr aushalten kann. Und fragen Sie nach dem, was das für sie bedeutet und welche Gedanken sie damit verbindet. So bekommen Sie ein Bild davon, wie akut die Situation ist, was genau sich verändern soll und welche Hilfe notwendig ist.

Fast immer ist es so, dass Menschen in Krisen sich wünschen, dass ein bestimmter Zustand sich verändert, sie jedoch keine Idee haben, wie sie das schaffen sollen. Die Selbsttötung ist dann ihr Mittel der Wahl. Aber diese Menschen wollen nicht aus dem Leben gehen, sie wollen nur, dass der Zustand, der Schmerz aufhört.

In akuten Situationen ist es wichtig, dass Sie Ihre Tochter vor sich selber schützen und sie zur Klinik bringen müssen. Es gibt sowohl ambulante, tagesklinische als auch vollstationäre Behandlungsmöglichkeiten.

Was geschieht in der Klinik dann mit meiner Tochter?

Am Anfang geht es darum, eine gute therapeutische Beziehung zu Ihrer Tochter aufzubauen. Gemeinsam mit ihr und Ihnen versuchen wir herauszufinden, was das Leben für Ihre Tochter so schwierig macht.

Danach gilt es, andere Lösungswege als den Suizid zu entdecken. Gegen Ende des Klinikaufenthaltes geht es dann darum, den Alltag wieder schrittweise zu bewältigen.

Was ist, wenn meine Tochter nicht freiwillig in die Klinik gehen will?

Wenn Ihre Tochter stark selbstmordgefährdet ist, müssen Sie sie auch gegen ihren Willen in die Klinik bringen. Falls Sie es nicht allein schaffen, rufen Sie bitte die Leitstelle unter 112 an und schildern Sie die aktuelle Situation. Die Mitarbeiter in der Leitstelle entscheiden dann, wie es weitergeht.

In der Regel gelingt es in der Klinik recht rasch, mit den Jugendlichen eine Behandlungsbereitschaft zu erarbeiten. In seltenen Fällen ist es notwendig, dass die Kinder auch gegen den eigenen Willen in der Klinik bleiben müssen. Dies bestimmen Sie als Eltern. Zusätzlich ist dazu dann eine Genehmigung durch das Familiengericht erforderlich. Bitte haben Sie dann kein schlechtes Gewissen. Nicht handeln könnte tödlich sein.

Was ist mit Medikamenten?

Medikamente können einen unterstützenden Charakter haben. Sie werden in der Regel nur nach Absprache mit Eltern und Patienten eingesetzt.

Meine 16-jährige Tochter ist völlig durch den Wind und weiß nicht mehr weiter. Mir geht es auch nicht anders. Ich mache mir große Vorwürfe, weil ich denke, dass ich als Mutter versagt habe. Wo kann ich Hilfe bekommen?

Es ist keine Schande, sich als Eltern Rat und Unterstützung zu holen. Sprechen Sie mit allen, die für Ihr Kind wichtig sind wie Freunde, Verwandte oder Lehrer. Sie als Eltern finden Unterstützung bei Beratungsstellen, Seelsorgern, dem Jugendamt oder dem sozialpsychiatrischen Dienst.

Unsere Experten: Renate Kubbutat (Amtsärztin Schwerin), Uta Krause (Telefonseelsorge Schwerin) und Dr. med. Dipl. Psych. Christian Haase (C.-F. Flemming-Klinik, Helios Klinken Schwerin)

HILFSANGEBOTE

• Die Telefonseelsorge erreichen Sie Tag und Nacht unter den kostenlosen Rufnummern 0800/  111  0  111 oder 0800/ 111 0 222. Eine anonyme Beratung ist auch per Chat oder E-Mail möglich. Infos online unter www.telefonseelsorge.de.

• Kinder und Jugendliche bekommen anonym Hilfe bei der kostenlosen Nummer gegen Kummer 116111. Elterntelefon: 0800 111 0550.

• Bei Gefahr für Gesundheit und Leben den Notruf 112 wählen.

• Ansprechpartner gibt es auch jeweils in den Kinder- und Jugendpsychiatrien, beispielsweise in Schwerin unter Tel. 0385 / 520 3214 (Helios Kliniken) oder in Rostock unter 0381 / 494 4601 (Universitätsmedizin), sowie in den Jugendämtern und in den Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen.

AUSSTELLUNG
Von heute an bis Mittwoch, 21. September, können sich Interessierte bei einer bundesweiten Wanderausstellung zum Thema „Suizid – Keine Trauer wie jede andere. Gegen die Mauer des Schweigens“ im Foyer der AOK Nordost in Schwerin zu den Öffnungszeiten der AOK informieren. Täglich von 9 bis 11 Uhr steht Besuchern zusätzlich vor Ort ein Ansprechpartner zur Verfügung.

 

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