Autismus bei Kindern : Respekt statt Naserümpfen

Familie Storks (hier mit zwei ihrer drei Söhne) geht offen mit dem Autismus ihrer Kinder um.
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Familie Storks (hier mit zwei ihrer drei Söhne) geht offen mit dem Autismus ihrer Kinder um.

Autistische Kinder stoßen in fremder Umgebung oft auf Unverständnis und Ablehnung. Dabei lassen sich viele Situationen entschärfen.

svz.de von
04. April 2017, 12:00 Uhr

„Kannst du dein Kind nicht erziehen?“ Oder: „Eine Tracht Prügel würde dem gut tun.“ Was Bianka Storks über ihre Kinder zu hören bekommt, würde wohl keinen Elternteil kalt lassen.

Die drei Söhne der Duisburgerin sind Autisten und verhalten sich deshalb anders als andere Kinder – für Fremde unerwartet und oft irritierend. „Das Thema Autismus ist sehr angstbesetzt“, sagt die Psychologin Melanie Mat-zies-Köhler aus Falkensee bei Berlin, die Sozialtrainings für Autisten anbietet. Denn viele wissen nicht, warum Autisten sich so rätselhaft verhalten.

Autismus ist eine angeborene und nicht heilbare Entwicklungsstörung. „Allen Autisten gemein ist, dass sie die Welt auf ihre ganz eigene Art und Weise sehen, was oft zu Missverständnissen führt“, erklärt Michele Noterdaeme, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Josefinum in Augsburg. So könne es schon einmal zu komischen Situationen kommen: Über völlig unangemessene Bemerkungen wie: „Du riechst aber komisch“ könne man sich wundern, brauche sich aber nicht zu ärgern. Autisten fällt es schwer, zu verstehen, was andere Menschen mit dem meinen, was sie sagen und dann angemssen darauf zu reagieren. Fremde sind eine große Herausforderung für sie. Bedeutungen von Mimik und Gestik müssen Autisten oft mühevoll erlernen.

Auf Überforderung – etwa durch Lärm – reagieren einige Kinder, indem sie sich die Ohren zuhalten, schreien, unter Umständen aggressiv gegen sich und andere werden. Wenn die Überlastung zu groß wird, kann es sogar sein, dass sie ihren Kopf gegen die Wand schlagen oder nicht mehr ansprechbar sind. „Solche Situationen sind oft riesige Belastungen für die Eltern, weil viele Leute denken, die Kinder seien schlecht erzogen“, sagt Michele Noterdaeme.

Fast alle Familien mit autistischen Kindern ziehen sich zurück, schildert Matzies-Köhler, viele vermeiden Ausflüge in die Stadt oder ins Café – manche verzichten auch auf Urlaube, da der Ortswechsel das Kind überfordern könnte.

Storks hingegen ging in die Offensive: „Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, mich zu erklären, und habe T-Shirts anfertigen lassen“, erzählt sie. Sobald sie unterwegs Getuschel hörte, zog sie fortan ihren Kindern die Jacken aus, damit alle den Aufdruck „Sorry, ich verstehe dich nicht, ich bin Autist“ lesen konnten. Auch anderen Betroffenen wollte sie helfen, weshalb sie das Selbsthilfe-Forum „Kinder mit Autismus“ gründete.

Mitleid will die Mutter auf keinen Fall – sie wünscht sich ehrliches Interesse und Unterstützung – „dass man nicht urteilt, sondern fragt“.

Auch die Expertinnen plädieren für Offenheit im Umgang mit autistischen Kindern. Auch ihnen gegenüber seien Berührungsängste unnötig. Wichtig dabei sei aber, nicht zu schnell auf das Kind zuzugehen, es nicht zu laut anzusprechen und ihm körperlich nicht zu nahe zu kommen. Kontaktscheu sind, allen Klischees zum Trotz, allerdings nicht alle Autisten, wie Noterdaeme betont: „Es gibt Kinder mit sehr starkem Selbstbezug, aber andere sind sehr offen.“ Wenn ein autistisches Kind von sich aus den Kontakt sucht, solle man erst einmal wohlwollend abwarten, auf das Kind eingehen und hören, was es zu erzählen hat, so Psychologin Matzies-Köhler – selbst wenn es ohne vorherige Begrüßung einfach ohne Punkt und Komma Zug-Typen aufzählt. „Wenn man tolerant draufguckt und dem Kind Brücken baut, ihm das Gefühl gibt, alles ist okay, dann kommt es gar nicht erst zu großen Irritationen.“

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