Betrunkene Kinder : Probierphase oder Abhängigkeit?

Mehr als 400 Kinder und Jugendliche müssen jährlich mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus.
Mehr als 400 Kinder und Jugendliche müssen jährlich mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus.

Wenn der Nachwuchs betrunken nach Hause kommt, verfallen Eltern meist in Panik. „Nur die Ruhe bewahren“, rät der Sozialpädagoge Nicolai Altmark.

svz.de von
12. Juni 2016, 08:45 Uhr

„Mein Kind nimmt keine Drogen.“ Das würden zumindest die meisten Eltern mit bestem Gewissen behaupten wollen. Doch so ganz genau wissen es Mama und Papa dann eben doch nicht. Wenn die pubertierende Tochter nach Zigarettenrauch riecht und der halbwüchsige Sohn immer öfter mit einer Bierfahne nach Hause kommt, dann gehen die Alarmglocken an.

„Jetzt heißt es erst einmal Ruhe bewahren und genauer hinsehen“, rät der Sozialpädagoge Nicolai Altmark (Foto). Er ist selbst Familienvater und weiß: „Meist bleibt es bei der Probierphase.“ Denn nachgewiesen ist, dass sich nur bei einem geringen Teil der unter 18-Jährigen tatsächlich eine Suchterkrankung anbahnt. „Diese entwickelt sich über viele Jahre hinweg und beginnt häufig erst viel später.“

Laut Statistik haben an die zehn Prozent der unter 17-Jährigen in Deutschland schon einmal Cannabis probiert und 0,8 Prozent davon konsumieren ihn regelmäßig. „Das sieht in der öffentlichen Wahrnehmung oft nach viel mehr aus, das täuscht aber.“

Für Nicolai Altmark spielen die Aufklärung durch Infoveranstaltungen für Lehrer und Eltern, Prävention an Schulen und Beratungsangebote eine wichtige Rolle.

„Man muss sich bewusst machen, dass das Experimentieren zum Erwachsenwerden dazugehört. Dennoch ist natürlich Konsum von Suchtmitteln jeder Art grundsätzlich als schädlich zu betrachten und muss im Auge behalten werden.“ Eine Bedeutung schreibt er auch den Eltern zu. Hat beispielsweise ein Elternteil eine Suchterkrankung, bestehe ein deutlich höheres Suchtrisiko für den Nachwuchs. Aber: Eltern sind in keiner Weise für das Konsumverhalten ihrer Kinder verantwortlich. „Eltern sollten sich keine Schuldgefühle einreden, das hilft niemandem weiter.“

Wie schnell man von einer Droge abhängig werden kann, hänge meist von den Potentialen der Suchtmittel ab. „Nikotin gehört zu den Stoffen, die schon nach kurzer Zeit süchtig machen.“ Doch ob illegal oder legal – jedes Suchtmittel befeuere das Belohnungsgefühl. „Es sorgt für kurzfristiges Wohlbefinden, das man immer wieder haben will“, so Altmark. „Häufig ist eine Belastungssituation die Ursache. Das können beispielsweise die Trennung der Eltern oder Schulprobleme sein.“

Erste Anzeichen bei Kindern sind auffallende Veränderungen im Verhalten, wie Aggressionen und Vernachlässigung der eigenen Person. Ein Patentrezept gibt es zwar nicht, doch er rät allen Eltern dazu, nicht gleich in Panik zu geraten. „Dennoch darf man das Problem auch nicht ignorieren.“

Der erhobene Zeigefinger und unerfüllbare Forderungen können das Problem jedoch noch weiter verstärken. Dagegen dürfen Sätze wie „Ich sehe das und mache mir Sorgen um dich“ klar ausgesprochen werden. „Ein guter Kontakt zu seinem Kind und eine ruhige Gesprächsebene sind das A und O. Junge Menschen brauchen gerade in solchen Situationen elterliche Rückendeckung und Vertrauen.“

Wenn die Fronten zwischen Kind und Elternteil zu sehr verhärtet sind, können Beratungsstellen weiterhelfen. „Wichtig ist, dass man seinen Kindern vermittelt, dass sie eigene Entscheidungen treffen können und nicht irgendeinem Gruppendruck folgen müssen“, sagt Altmark. Vor allem sollten betroffene Eltern das Thema nicht zum Tabu machen und sich nicht scheuen, um professionelle Hilfe zu bitten.

Drogenberatungsstellen und Selbsthilfegruppen finden sich unter www.bzga.de und www.drugcom.de

Mecklenburg-Vorpommersche Beratungsstellen für verschiedene Probleme von Jugendlichen finden sich auch auf der Homepage www.hast-du-stress.de

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