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Meinung zu Mädchenkleidung : Pokurz und knalleng

vom
Aus der Onlineredaktion

Kleidung für junge Mädchen ist oft sexy. Eltern sollten das nicht hinnehmen, findet unsere Autorin.

svz.de von
erstellt am 02.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Ihre kleine Tochter braucht neue Klamotten? Kein Problem: Man durchforstet die Angebote der Bekleidungsbranche, befragt das Kind nach seiner Meinung, lässt es seinem Alter entsprechend mitentscheiden, wählt aus und zahlt.

Wie gesagt: kein Problem, jedenfalls solange man nicht die die Fänge der Modeindustrie gerät, die kleine Kinder als sexualisierbare Objekte entdeckt hat. In Schweden empörte sich gerade erst eine Mutter über die Angebote des Modeunternehmens H&M. Sie hatte Shorts für ihre neunjährige Tochter kaufen wollen, im reichhaltigen Internet-Angebot für Mädchen aber kein einziges Exemplar entdeckt, dass nicht pokurz und knalleng gewesen wäre – ganz anders als bei den Angeboten für Jungs.

Neu ist das ebenso wenig, wie es nur H&M betrifft. Als sich US-Wissenschaftler 2011 für eine Studie 5700 Kleidungsstücke für Grundschulkinder vornahmen, machten sie an fast einem Drittel sexualisierende, sogar aufreizende Merkmale aus: Leopardenmuster, mit Spitzen besetzte Wäsche, Brust simulierende Oberteile. Man kennt das vom Bummel durch die Kinderabteilungen der Modehäuser. Nach Mädchen und Jungen wird schon bei den Säuglingen eingeteilt und es geht beileibe nicht nur um Farben, sondern um süß hier und keck da. Es wird die „Zicke“ aufs Kleinkind-Shirt gedruckt und „Love“. Jeans – übrigens für Jungen wie für Mädchen – werden wie bei den Erwachsenen in den Passformen Slim fit und Skinny fit angeboten und passen, ebenfalls wie bei den Erwachsenen, schlanken Kindern selten. Aber anstatt „Die Hose passt mir nicht!“ ruft es aus den Umkleidekabinen: „Ich bin zu fett dafür!“

Spätestens jetzt sind Neun-, Zehn, Elfjährige bei den Pseudoproblemen der Erwachsenenwelt angekommen. Der Trend gehe in die Richtung, dass man versuche, Kinder immer mehr aus dem Schonraum der Kindheit herauszunehmen und sie in die Erwachsenenwelt hineinzuziehen, mahnt die deutsche Erziehungswissenschaftlerin Karla Etschenberg und spricht von Kindern, die ihrer Kindheit beraubt werden, weil die freie Entfaltung, das sich Ausprobieren zunehmend in den Fokus wirtschaftlicher Interessen gerät. Freie Entfaltung, Spielen, Toben, Bauen, Experimentieren – wie soll das gehen mit knappen Hosen?

Die kleine Tochter wolle aber doch die Klamotten, „die hat schon ihren eigenen Kopf“, hört man viele Eltern entgegnen. Und ebenfalls von Eltern ist angesichts allzu praktisch gekleideter Mädchen zu hören: „Deine Tochter läuft rum wie ein Junge.“ Überforderung angesichts dieser Alltagsphänomene ist auf allen Seiten wahrnehmbar.

Bis zu welchem Alter der Kinder darf man sich in Modefragen einmischen? Darf man das überhaupt? Ja, man darf, gelegentlich muss man auch, das ist Elternaufgabe. Trotzdem hat ein einsamer Kampf gegen den Rest der Modewelt schlechte Siegchancen. Aussichtslos ist er nicht. H&M beispielsweise hat Besserung gelobt: „Wir streben danach, keine Kinderkleidung zu verkaufen, die als anstößig aufgefasst werden könnte.“ Die Verantwortung bleibt bei den Eltern. Wer für seine neunjährige Tochter bewegungstaugliche Shorts will, suche in den Abteilungen für Jungs oder schneide die Beine einer alten Jeans ab. Und stelle sich den Diskussionen mit dem Kind.

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