Nahrungsergänzungsmittel : Paprika statt Pillen!

<p>Vitamine und Mineralstoffe in Drageeform sind kein Ersatz für eine gesunde Ernährung – im Gegenteil.</p>
Foto:

Vitamine und Mineralstoffe in Drageeform sind kein Ersatz für eine gesunde Ernährung – im Gegenteil.

Jedes zehnte Kind bekommt Nahrungsergänzungsmittel. Dabei sind die Kapseln und Säfte nicht nur unnötig, sondern auch häufig überdosiert und dadurch bedenklich.

svz.de von
26. Mai 2018, 16:00 Uhr

Sie versprechen Wachstum, geistige Leistungsfähigkeit und ein besseres Immunsystem: Nahrungsergänzungsmittel für Kinder stehen zu Dutzenden, meist bunt verpackt, in Supermärkten und Apotheken. Tatsächlich nimmt Untersuchungen zufolge jedes zehnte Kind in Deutschland solche Supplemente ein.

Und das, obwohl Studien schon seit Langem zeigen, dass Nahrungsergänzungsmittel, ob für Kinder oder Erwachsene, fast immer überflüssig, im schlechtesten Fall gar schädlich sind. Ein aktueller Marktcheck von Verbraucherzentralen in Deutschland, darunter auch der in Mecklenburg-Vorpommern, zeigt nun, wie willkürlich Vitamine dosiert und wie fahrlässig Grenzwerte missachtet werden.

Die Verbraucherschützer nahmen 26 Produkte unter die Lupe – von ihnen überschritten 22 bei mindestens einem Vitamin oder Mineralstoff die Referenzwerte der deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für Kinder zwischen vier und sieben Jahren. Und sogar bei der Orientierung an den Höchstwerten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), die sich erst auf ab 15-Jährige beziehen, wurden diese noch bei fast der Hälfte der Produkte überschritten.

„Problematisch“ und „fatal“ nennt die Ernährungsexpertin Selvihan Koç die Ergebnisse. „Generell brauchen Kinder keine Nahrungsergänzungsmittel“, erklärt sie. Ausnahmen gäbe es natürlich – die müssten dann mit dem Arzt geklärt werden. Doch manche Menschen sehen das offenbar anders. „Viele Eltern denken, ihre Kinder sind unterversorgt“, erklärt Koç. „Das ist aber nicht der Fall.“

Studien zeigen, dass die Nährstoffversorgung von Kindern in Deutschland gut ist. Lediglich bei einigen wenigen Mineralstoffen erreichten nicht alle Kinder die Referenzwerte. „Das heißt aber nicht, dass alle Kinder hier einen Mangel haben“, betont Selvihan Koç.

Ein weiterer Trugschluss: Einige Eltern versprechen sich von den Lutschtabletten und Säften eine „schnelle Lösung“ für bessere Leistungen etwa in der Schule, so Koç – schließlich werben Hersteller damit, dass ihre Mittel Konzentration und Gehirnleistung fördern.

Allerdings: „Das sind keine Medikamente, sie werden nicht auf Wirksamkeit überprüft“, stellt die Expertin klar. Wirksamer als angereicherte Pillen ist ohnehin eine gesunde Ernährung: Denn Omega-3-Fettsäuren oder Vitamine entfalten ihren gesunden Effekt vor allem, wenn sie direkt über Obst, Gemüse oder Nüsse aufgenommen werden.

In Pillenform dagegen können sie, leichtfertig geschluckt, sogar schaden. Denn die fettlöslichen Vitamine A, D, K und E können sich im Körper anreichern und zu Übelkeit und Kopfschmerzen führen.

„Und Kinder sind da noch empfindlicher als Erwachsene“, warnt Selvihan Koç: „Einige der Pillen sehen aus wie Bonbons oder Bärchen, werden daher mit Süßigkeiten verwechselt und in höherer Dosis eingenommen.“

Tatsächlich, so heißt es im Fazit des Marktchecks, seien die Dosierungen der Zusätze „willkürlich und konzeptlos“. So würde man mit einem Supplement, nach Empfehlung des Herstellers eingenommen, beispielsweise 20 Milligramm, mit einem anderen dagegen 200 Milligramm Vitamin C pro Tag aufnehmen (empfohlen werden täglich 30 Milligramm). „Da ist es Zufall, welches ich erwische“, sagt Koç.

Hinzu kommt, dass fast alle untersuchten Produkte Zucker oder andere Süßungsmittel enthalten – und zum Teil sehr teuer sind. „Bei empfohlener Einnahme zahlt man schon mal 500 Euro im Jahr“, weiß Selvihan Koç. „Das Geld wäre in frische Vollkornprodukte, Obst und Gemüse deutlich besser investiert.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen