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Erziehung : „Man muss auf sein Herz hören“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor 20 Jahren kam „Jedes Kind kann schlafen lernen“ auf den Markt. Heute ist es einer der erfolgreichsten und zugleich umstrittensten Erziehungs-Ratgeber.

svz.de von
erstellt am 30.Mai.2015 | 09:00 Uhr

Ein Interview mit der Autorin:

Frau Kast-Zahn, was sagen Sie einer Mutter, die Ihnen vorwirft, Ihr Buch sei Kindesmisshandlung?

Ich frage sie, ob sie das Buch gelesen hat. Oft haben Leute irgendwas gehört und denken dann, „das ist das mit dem Schreien lassen“.

Waren Sie überrascht von der Kritik?

Am Anfang waren wir überrascht von der ausbleibenden Kritik. Als Ende der 90er Jahre die Verkaufszahlen durch die Decke gingen, bekam ich vor allem sehr viele Dankesbriefe. Erst als es vor zwei Jahren eine neue Auflage gab, ging plötzlich die Protest-Lawine los. Inzwischen ist wieder Ruhe.

Besonders umstritten ist ja Ihre Empfehlung, das Kind, damit es lernt allein ein- und somit durchzuschlafen, minutenlang allein zu lassen, auch wenn es schreit. Man soll es zwischendurch nur kurz beruhigen und dann wieder das Zimmer verlassen. Kritiker glauben, die Methode zerstöre das Urvertrauen der Kinder in ihre Eltern.

Das wäre ja furchtbar. Aber es ist nicht so. Man kann das Urvertrauen doch nicht daran messen, dass man einfach nur alles dafür tut, damit das Kind nicht weint. Liebevolles Begrenzen gehört auch zum Urvertrauen. Man muss bedenken, dass mehrfaches nächtliches Aufstehen, wenn das Kind schlecht schläft, auch etwas mit der Beziehung macht: Da entstehen negative Gefühle. Aufopferung ist keine Qualität – die Bedürfnisse der Eltern sind auch wichtig.

Aber fühlt sich das Kind nicht verlassen?

Ich glaube nicht, dass das Kind denkt, es sei für immer verlassen, wenn es drei Minuten alleine ist. Aber wenn Eltern Angst davor haben, können sie auch die Ping-Pong-Methode anwenden, also schon nach 30 bis 60 Sekunden wieder hineingehen. Oder sie bleiben bei ihrem Kind im Zimmer, setzen sich dort in eine Ecke. Dann kann es keine Verlustangst sein, wenn es trotzdem weint.

Was ist mit dem Vorwurf, das Kind gebe irgendwann auf?

Das Kind merkt, dass es seinen Willen nicht kriegt. Sein Schlafbedürfnis setzt sich gegen den Wunsch durch, seine Gewohnheit zu bekommen. Man kann es aufgeben nennen, für mich ist es ein hilfreicher Lernprozess. Es werden doch keine wirklichen Bedürfnisse ignoriert. Grenzen setzen gehört zur Erziehung dazu – wenn das Kind im Supermarkt trotz Schreien keine Süßigkeiten bekommt, gibt es auch auf.

Wie erkennt man, ob das Kind nur seinen Willen durchsetzen will oder Angst hat?

Man kennt ja die Gewohnheiten seines Kindes. Aber 100-prozentige Sicherheit gibt es natürlich nie. Da muss man auch auf sein Herz hören. Es ist ja immer noch ein Kind. Da gibt es keine Gebrauchsanweisung, als würde man einen Kuchen backen.

In neueren Ausgaben bieten Sie mehr Variationen Ihres Schlafplans an und gehen auf Bedenken ein. War das eine Reaktion auf die Kritik?

Nein. Ich habe seit der ersten Ausgabe Tausende Schlafberatungen gemacht und dadurch noch differenzierter die Bedürfnisse von Eltern erfahren. Das Ganze kann eben nur funktionieren, wenn die Eltern das Gefühl haben: Das passt zu uns.

Stillplan, nicht im Elternbett schlafen, Türgitter – finden Sie nicht, dass manches in Ihrem Buch lieblos wirkt?

Lieblosigkeit hat doch mit der inneren Einstellung zum Kind zu tun. Man kann sehr liebevoll ein Türgitter anbringen (lacht). Und man kann sehr hart zu seinem Kind sein und es trotzdem im Elternbett schlafen lassen.

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