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Psychische Erkrankung bei Eltern : Mamas blöde Weinkrankheit

vom
Aus der Onlineredaktion

Drei bis vier Millionen Kinder leben in Deutschland mit einem psychisch kranken Elternteil zusammen. Auch sie brauchen Hilfe.

Wenn ein Elternteil an einer psychischen Erkrankung leidet, sind auch die Kinder betroffen. Sie brauchen in dieser Zeit besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung. Diese Erfahrung machte Marion Hansen (Name geändert).

Als die Mutter eines Sohnes im dritten Schwangerschaftsmonat an einer Depression erkrankte, kam sie zur Behandlung in die Spezialambulanz Mutter und Kind. Hier behandelt ein Team unter der Leitung von Chefärztin Dr. Anna Christina Schulz-Du Bois Frauen mit psychischen Erkrankungen rund um Schwangerschaft und Geburt.

„Damals kriselte es in meiner Ehe. Die Schwangerschaft war nicht geplant. Ich fühlte mich schlecht und war ständig am Weinen. Das bekam mein damals knapp fünfjähriger Sohn natürlich hautnah mit“, blickt die 37-Jährige zurück. Trotzdem versuchte sie, ihn möglichst nicht mit ihren Problemen zu belasten. Auf seine Frage: „Mama, warum bist du immer so traurig?“, reagierte sie deshalb ausweichend. Die Ärztin erklärte ihr jedoch, dass es gut wäre, ihrem Sohn zu erklären, was mit Mama los ist.

„Kinder nehmen psychische Erkrankungen der Eltern sehr frühzeitig wahr. Es wird mit ihnen jedoch oft nicht darüber gesprochen. So können sie die auftretenden Symptome wie Weinen oder Traurigkeit nicht zuordnen. Sie reagieren verwirrt und verängstigt oder geben sich selbst die Schuld daran“, informiert Schulz-Du Bois. Manche Kinder reagieren auf die elterliche Erkrankung, indem sie versuchen, sich im Familienalltag so unauffällig wie möglich zu verhalten. Sie helfen im Haushalt oder zeigen sich ehrgeizig bei den Hausaufgaben. Andere halten eher Abstand und stellen sich immer wieder gegen Regeln und Abmachungen.

Manche Kinder zeigen keine Probleme nach außen, sind aber im Innersten belastet und machen sich Sorgen. „In dieser Situation brauchen sie die Möglichkeit, über alle Fragen und Gedanken offen und ohne Schuldgefühle reden zu können. Denn bei Kindern psychisch kranker Eltern ist das Risiko stark erhöht, später selbst einmal zu erkranken. Sie bekommen die genetische Sollbruchstelle in die Wiege gelegt. Deshalb ist es wichtig, rechtzeitig aktiv zu werden, um einer Erkrankung vorzubeugen“, stellt die Ärztin heraus.

Kinder hätten gute Chancen, wenn die Erkrankung in der Familie nicht tabuisiert wird, das kranke Elternteil schnell und angemessen behandelt wird und die erkrankten Eltern und Kinder sich auf tragfähige Beziehungen stützen können und Hilfe annehmen. Kinder von Patientinnen sind deshalb in der Spezialambulanz ebenfalls willkommen. „Wir führen Familiengespräche oder die Kinder können allein mit uns reden“, so Schulz-Du Bois.

Vor neun Monaten brachte Marion Hansen ihren zweiten Sohn zur Welt. Sie ist mittlerweile alleinerziehende Mutter. Ihre Depression ist abgeklungen. Weiterhin geht sie zu Einzelsitzungen in die Klinik. Hier erhielt sie den Tipp, mithilfe des Kinderbuches „Was ist bloß mit Mama los?“ mit ihrem Sohn offen über die Depression zu sprechen.

„Ich sagte ihm, dass meine Traurigkeit manchmal kommt, aber auch wieder geht. Und ich stellte klar, dass ich ihn sehr lieb habe und dass meine Erkrankung nicht an ihm liegt. Wenn ich weine, sagt er heute: ,Hast du wieder diese blöde Weinkrankheit?’ und nimmt mich in den Arm.“

 

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erstellt am 30.Okt.2016 | 09:00 Uhr

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