zur Navigation springen

Familie : „Mama, trink doch nicht so viel!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Über 2,5 Millionen Kinder leben in Deutschland mit süchtigen Eltern zusammen – oft fühlen sie sich selbst schuldig.

Hannas* Mutter ist alkoholkrank. Sie fing an zu trinken, als Hanna elf Jahre alt war. Zuvor hatten sich ihre Eltern getrennt. Das Mädchen beobachtete, dass ihre Mutter sich angewöhnte, abends immer öfter Bier oder Wein zu trinken. Sie sprach ihre Mutter irgendwann darauf an. Doch die Mutter meinte nur, das brauche sie zur Entspannung, um nach einem anstrengenden Arbeitstag runterzukommen. Langsam trank sie abends immer größere Mengen Alkohol. Morgens war sie wie gerädert und blieb oft noch im Bett liegen. Hanna lernte, alleine rechtzeitig aufzustehen und sich die Schulbrote selbst zu schmieren. Wenn sie morgens sah, dass leere Flaschen vom Vorabend im Wohnzimmer standen, räumte sie sie weg. Sie wollte nicht, dass ein zufälliger Besucher die Flaschen sieht.

„Wenn eine Mutter oder ein Vater trinkt, zeigen sich die Kinder trotz alledem solidarisch. Kinder lieben ihre Eltern, auch wenn ihr Verhalten schwierig ist oder etwas falsch läuft. Sie wollen die Familie auf jeden Fall zusammenhalten“, erklärt Tuire Spielvogel (Foto). Sie ist Familientherapeutin von der Suchthilfe und eine Vertrauensperson, mit der die inzwischen 13-jährige Hanna offen über ihre Sorgen sprechen kann. Tuire Spielvogel kümmert sich um suchtkranke Menschen und ihre Familien. Denn Suchtkrankheiten sind niemals das alleinige Problem des erkrankten Menschen. Betroffen sind immer alle Familienangehörigen. „Gerade Kinder merken schnell, wenn zu Hause etwas nicht stimmt und machen sich Sorgen, selbst wenn sie nicht genau benennen können, was eigentlich los ist“, erläutert die Familientherapeutin. Manchmal befürchten Kinder insgeheim, dass sie an dem Verhalten der Eltern schuld sein könnten. „Dann erkläre ich ihnen, dass eine Sucht eine Krankheit ist. Sohn oder Tochter haben diese Erkrankung nicht verursacht und können sie auch nicht heilen oder kontrollieren.“

Weil Hanna nie wusste, wie es ihrer Mutter gerade geht, hörte sie auf, spontan Freundinnen mit nach Hause zu bringen. Doch neben den schlimmen Phasen gab es mit ihrer Mutter auch schöne Zeiten. Die Mutter versprach dann, mit dem Trinken aufzuhören – aber die Versprechungen waren nie von langer Dauer. Tuire Spielvogel weiß aus Gesprächen mit alkoholkranken Menschen, dass es ihnen in klaren Momenten mit dem Aufhören durchaus ernst ist. Weil aber das übermäßige Alkoholtrinken eine schwere Erkrankung ist, schaffen Suchtkranke es meist nicht aus eigener Kraft. Dafür benötigen sie die Unterstützung von Ärzten und Suchttherapeuten.

Diese Hilfe holte sich schließlich auch Hannas Mutter in der Beratungsstelle und in einer stationären Klinik für Suchtkranke. Sie erfuhr, dass es ein Beratungsangebot für Kinder von suchtkranken Eltern gibt und willigte ein, dass Hanna zu Tuire Spielvogel gehen darf. Bei den Einzelgesprächen hörte das Mädchen, dass es anderen Kindern genauso geht. Das entlastete Hanna enorm. „Kinder und Jugendliche, die mit süchtigen Eltern zusammenleben, müssen diese Situation nicht alleine meistern. Sie dürfen sich Unterstützung suchen, damit sie ihre eigene Persönlichkeit entwickeln können, ganz gleich, was zu Hause passiert“, stellt Tuire Spielvogel heraus.

*Name von der Redaktion geändert

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen