Studie : „Mama, schrei weiter so!“

 

 

Schreie haben eine glasklare biologische Funktion: Sie sollen uns warnen und aufrütteln. Es ist die Rauigkeit des Schreiens, die uns so alarmiert.

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29. August 2015, 08:00 Uhr

Wissenschaftler aus Deutschland, der Schweiz und den USA haben nun die akustischen Besonderheiten des Geschreis ermittelt und gelangen zu dem Fazit: Es ist die Rauigkeit des Schreiens, die uns so alarmiert.

Hat sie gesprochen, gerufen oder geschrien? Jeder des Hörens mächtige Mensch kann sich die Eigenarten dieser drei Formen der Lautäußerung ziemlich genau vorstellen – ohne freilich sagen zu können, was genau das Sprechen, das Rufen und das Schreien jeweils voneinander unterscheidet.

Doch zum Glück gibt es für solche Fragen ja Forscher wie den Psychologen David Poeppel, der am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt die neurowissenschaftliche Abteilung leitet. Gemeinsam mit Fachkollegen der Universitäten New York und  Genf ist dem Sprachverständnisforscher nun erstmals der Nachweis gelungen, was genau Schreie so einzigartig unter den menschlichen Lauten macht.

Diese Einzigartigkeit wiederum gestattet es, ohne jedes Nachdenken sofort herauszuhören, dass Schreie enorm wichtige, womöglich lebensentscheidende Informationen transportieren. Wer dies nicht vermochte, dürfte im Laufe der Menschheitsgeschichte früh das Zeitliche gesegnet haben. Für  ihn oder sie war höchstwahrscheinlich schon sehr früh im Leben ein missverstandener Alarmruf sozusagen der letzte Schrei.

In einer Studie hat das internationale Team von Neurowissenschaftler kürzlich herausfinden können, dass Schreie ganz besondere akustische Eigenschaften besitzen: „Jeder kennt Schreie und jeder hat eine ungefähre Vorstellung davon, was Schreie ausmacht“, sagt Poeppel.  „Sie sind laut, hoch und schrill.“ Doch das allein reiche nicht aus. „Tatsächlich ist es so, dass Schreie eine Art akustische Nische besetzen, die sie von anderen Lauten unterscheidet. Sie können wie andere Laute hoch und laut sein, aber zudem haben sie eine einzigartige Modulation, die andere Laute nicht aufweisen.“

In mehreren Studien, die nun in der Fachzeitschrift „Current Biology“ erscheinen, gelangten die Forscher zu einem Ergebnis, das Poeppel so umreißt: „Schreie haben ein Merkmal, das als Rauigkeit bezeichnet wird.“ Laute klingen dann rau, wenn sich ihre Amplitude – also die Schwingungsweite der Schallwellen – oder ihre Frequenz (salopp gesagt: ihre Schwingungshäufigkeit) so rasch ändert, dass unser Gehör diese Veränderungen nicht mehr auflösen, also heraushören kann. Während normale Sprache eine Modulationsfrequenz von etwa 4 bis 5 Hertz (Hz) habe, weise Rauigkeit Frequenzwechsel zwischen 30 und 150 Hz auf – wobei ein Hz für eine Schwingung pro Sekunde steht. „Die zeitlichen Veränderungen sind also wesentlich schneller“, merkt Poeppel an. Umgangssprachlich ausgedrückt: Schreie haben etwas sehr Unruhiges an sich. Nicht umsonst also beunruhigen sie den, der sie vernimmt.

Für eine ihrer Studien erstellten die Forscher eine Geräuschdatenbank. Sie fütterten diese mit unterschiedlichsten menschlichen Lauten, darunter diverse Schreie und gesprochene Sätze, aber auch mit künstlich erzeugten Geräuschen wie den Alarmtönen  eines Weckers. So erkannten sie, dass sowohl Schreie als auch Alarmsignale von Weckern in den Frequenzbereich der Rauigkeit fallen (30-150 Hz). Daraus folgt, dass Wecker-Hersteller die akustischen Eigenarten eines menschlichen Schreies mit ihren Alarmtönen sehr gut nachempfinden.

Auch Laborexperimente des Forscherteams konnten die Rauigkeits-Annahme stützen. Dabei wurden gezielt geschriene Sätze (zum Beispiel „Direkt hinter dir!“), Schreie ohne konkrete Bedeutung („aahhhhhh“) sowie normal gesprochene Sätze aufgezeichnet, und zwar jeweils von Männern und von Frauen. Auch hier erwies sich, dass Schreie und geschriene Sätze in den Frequenzbereich der Rauigkeit fallen, andere Menschenlaute jedoch nicht.

Zudem beurteilten Testpersonen Schreie und Alarmgeräusche als umso beängstigender, je deutlicher ihre akustische Rauigkeit war – mit der Folge, dass sehr alarmierende Laute und Klänge ein wichtiges Angstzentrum des Gehirns, nämlich die beiden Mandelkerne (Amygdalae), in besonderem Maße reizen.

Poeppel zufolge zeigen die Studienergebnisse „im Ganzen, dass Schreie eine bevorzugte akustische Nische belegen“. Genau das stelle ihre biologische und letztendlich ihre soziale Wirkung sicher. „Wir schreien nur, wenn wir müssen“ – und genau so, wie es zweckmäßig ist.

Auch wenn wir einem schreienden Mitmenschen zurufen, er möge „doch nicht so schreien“, müssten wir dem Schreihals aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich dankbar für seine klare Lautäußerung sein.

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