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Streit bei Geschwistern : „Mama, Leo haut mich!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bei Streit unter Geschwistern sollten Eltern vor allem eines tun: NICHTS.

Mamaaa, Leo haut mich!“ „Hah, du bist doch ein Baby!“ „Du darfst damit nicht malen, das sind meine Stifte!“ Wer mehrere Kinder hat, kennt solche Sätze. Streit unter Geschwistern ist einer der größten Stressfaktoren in Familien. Dabei ist er vor allem eines: normal. „Geschwister haben immer eine gewisse Rivalität“, weiß Diplompsychologin Gundula Deicke. „Sie suchen ihren Platz in der Familie und streiten um die Aufmerksamkeit der Eltern.“

Und das dürfen sie auch. „Eltern sollten da nicht so viel Angst haben. Für Kinder sind Konflikte zum Lernen gut.“ Welche sind meine Bedürfnisse und Grenzen? Was will ich verteidigen? Wie will ich mich durchsetzen? All das erfahren Kinder durch Streit. Sollen Eltern ihn also einfach laufen lassen? Gundula Deicke schränkt ein: „Bei Kindern unter drei Jahren muss man schon aufpassen, denn sie haben noch keine große soziale Kompetenz. Da muss man dann auch mal Grenzen setzen und sagen: ,Das ist die Schaufel deiner Schwester!’“

Wenn die Kinder aber älter sind, rät die Erziehungsberaterin vor allem eines: sich nicht einzumischen. Denn oft holt ein Kind Mama oder Papa dazu, damit die Recht sprechen. „Sophie hat mir mein Auto weggenommen“, petzen sie – und erwarten eine Sanktion zu ihren Gunsten. „Man sollte sich nicht als Richter einspannen lassen. Denn oft wissen Eltern gar nicht, was passiert ist. Und es ist nicht immer der unschuldig, der am lautesten schreit. Deshalb sollte man erstmal abwarten und gucken, ob die Kinder den Streit selbst lösen. Das muss nicht eine gerechte, ,goldene Lösung’ sein und sie darf auch mit Weinen, Gerangel und Geschrei verbunden sein.“

Und wenn das nicht funktioniert? „Dann sollten Eltern die Kinder auf der Gefühlsebene ansprechen“, so Deicke. Nichts bewerten, sondern das Geschehen in Worte fassen – und dabei das aufgebrachte Kind zuerst ansprechen. „Du bist ja richtig sauer. Was ist denn los?“ Ist die erste Wut verflogen, macht man Vorschläge zur Einigung. Etwa, dass ein Kind erstmal woanders spielt oder sich die beiden mit dem begehrten Spielzeug abwechseln. Nur wenn sie partout nicht klarkommen, nimmt man die Situation selbst in die Hand, indem zum Beispiel das Spielzeug auf den Schrank kommt. „Dabei geht es aber nicht darum, zu bestrafen oder einen Schuldigen zu finden“, betont Deicke.

Nicht immer aber geht der Streit von zwei Seiten aus, manchmal piesackt ein Kind scheinbar grundlos das andere. Auch nicht einmischen? Doch, sagt Gundula Deicke. „Es darf nicht so aussehen, dass der Stärkere gewinnt. Wenn einer den anderen schlägt, tritt oder dessen Sachen kaputtmacht, muss man einschreiten und die Kinder trennen.“ Allerdings betont die Erziehungsberaterin, dass Einschreiten nicht Bestrafen bedeutet. „Man sollte trotzdem Verständnis haben und sich fragen, was hinter der Wut des Kindes steckt.“ Das heißt auch, sich – selbst, wenn es schwerfällt – klarzumachen, dass ein Kind nicht aus Bosheit ärgert. Sondern aus Rivalität, Langeweile oder der Suche nach Aufmerksamkeit.„Gerade das ältere Kind fühlt sich oft zurückgesetzt. Man sollte versuchen, Zeit mit ihm allein zu verbringen.“ Und ihm nicht ständig vorzuhalten, dass es schon groß und vernünftig zu sein hat. „Auch das ältere Kind sollte nochmal klein sein dürfen, auf den Arm oder Schoß genommen werden“, rät Deicke. „Was wollen wir zusammen spielen?“ ist daher ein Satz, der die Aggression eines Kindes deutlich besser auflöst als „Hör auf so gemein zu deiner Schwester zu sein!“

Das Wichtigste aber ist, Geschwister nicht zu vergleichen. Ein Satz wie „Guck mal, wie toll dein Bruder schon mit Messer und Gabel essen kann, und du kannst es immer noch nicht!“ sind Gift. „Man muss immer jedes Kind für sich allein betrachten und herausstellen, was es gut kann, so dass es sich gesehen fühlt“, sagt Deicke. „Man wird Geschwisterrivalität nie auflösen“, weiß die Erziehungsberaterin. „Aber wo es gelingt, allen Kindern positive Aufmerksamkeit zu schenken, geht es harmonischer zu.“

Sina Wilke

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