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Urteil: Vaterschaftstests : Letzte Gewissheit bleibt verwehrt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine 66-Jährige quält bis heute die Frage, wer ihr Vater ist – die Karlsruher Richter weisen ihre Klage auf Vaterschaftstest ab

66 Jahre hat Inge Lohmann mit diesem unseligen Querstrich gelebt. Für den Tag der Entscheidung über ihre Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe hat sie die Abstammungsurkunde noch einmal herausgesucht. Da steht der Name ihrer Mutter. Und dort, wo der Name ihres Vaters stehen müsste: „Ein Querstrich – kein Vater.“ Dabei hat Lohmann eine sehr genaue Vorstellung davon, wessen Name in die große Lücke ihres Lebens einzusetzen wäre. Mit 13 oder 14, so genau weiß sie das nicht mehr, hat die Mutter ihr den Namen gesagt, „nach langem Drängeln und Betteln“. Sie ist damals einfach hingefahren zu dem Mann, es gab ein Gespräch, „nicht als Vater, einfach so“. Später besucht sie ihn mit der Mutter, auch ein Treffen in einem Café gibt es, er schreibt einen Spruch in ihr Poesiealbum.

Aber 1972, mit dem Tod der Mutter, bricht der Kontakt ab. „Dann war Totenstille.“ Was bleibt, sind die Fragen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Lohmann hat nichts in den Händen. Bis viele Jahre später auf einmal eine Geburtsurkunde auftaucht. Und da steht es schwarz auf weiß: Der Mann hat ihre Geburt selbst beim Standesamt angezeigt.

Das ist der Punkt, an dem Inge Lohmann sich einen Anwalt nimmt. Sie will Gewissheit, sie will einen DNA-Test, wenn es sein muss, auch unter Zwang. Aber die Gerichte weisen ihre Klage ab. Denn Lohmanns Fall ist speziell: 1955, fünf Jahre nach ihrer Geburt, gab es schon einmal zwei Gutachten zur Feststellung der Vaterschaft – ohne eindeutiges Ergebnis. Inzwischen ist der Mann an die 90 Jahre alt, der medizinische Fortschritt hat ganz andere Analysemethoden möglich gemacht. Aber das Urteil von damals steht einer neuen Klage im Weg.

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Lohmanns einzige Hoffnung ist deshalb ein anderes Verfahren, das es erst seit 2008 gibt: die rechtsfolgenlose Abstammungsklärung. Hier geht es nicht um Unterhaltsansprüche oder Sorgerecht. Vater, Mutter und Kind sollen ohne alle Konsequenzen Zweifel ausräumen können. Aber der Mann, den Lohmann für ihren Vater hält, war nie Teil der Familie – und damit passt die Regelung nicht auf ihren Fall. Lohmann will das nicht hinnehmen. Sie zieht vors Verfassungsgericht.

Lohmann hat Schlimmes erlebt. Den fehlenden Vater ersetzt ein Stiefvater, Gewalttäter und Alkoholiker. Ihre Geschichte ist eine von Missbrauch und häuslicher Gewalt. Einen Tag vor ihrem zwölften Geburtstag ersticht der Bruder den Mann, um die Mutter zu beschützen. Er wird freigesprochen.

Es hat viel mit dieser Geschichte zu tun, dass Lohmann letzte Gewissheit will. Ihre ganze Wut, die ganze Verletztheit muss irgendwo hin. Sie will ihrem „Vater“ endlich alles ins Gesicht sagen, will sich bei ihm für ihre Kindheit bedanken, wie sie es nennt. „Wäre er da gewesen, wäre vielleicht alles anders gekommen“, davon ist Lohmann überzeugt.

Aber es wird keinen DNA-Test geben. Die Karlsruher Richter weisen Lohmanns Klage ab (Az. 1 BvR 3309/13). Sie haben Bedenken, die Abstammungsklärung auch in Fällen wie dem ihren zuzulassen, befürchten Vaterschaftstests „ins Blaue hinein“, die schlimmstenfalls Familien und Leben zerstören könnten. Mit der Vaterschaftsklage gebe es ja einen Weg, die eigene Herkunft zu klären. Dass Lohmann das nicht mehr hilft, spielt in einem Grundsatzurteil naturgemäß keine Rolle. Nachvollziehen kann sie das nicht: „Ich bin sehr enttäuscht.“ Eine winzige Hoffnung bleibt. Die Verfassungsrichter sagen, dass der Gesetzgeber trotzdem die Freiheit hat, den Paragrafen zur Abstammungsklärung weiter zu fassen. Bis Mitte 2017 beraten Experten im Justizministerium, ob eine solche Reform sinnvoll wäre. Aber Lohmann winkt ab, ihr läuft die Zeit davon. Ihr ist sehr bewusst: Am Ende könnte ihr „Vater“ siegen, indem er die Wahrheit mit ins Grab nimmt.

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