Streitthema Frühgeburt : Leben am seidenen Faden

Es ist die schwerste vorstellbare Entscheidung: Darüber, ob man versucht, allerkleinste Frühgeburten zu retten.

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13. Juni 2015, 08:00 Uhr

Winzig war das Kind, wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen. Seine Mutter, eine Schauspielerin, hatte während Dreharbeiten einen Blasensprung bekommen – sie war seit erst 24 Wochen und fünf Tagen schwanger. Kaum über 500 Gramm wog das Mädchen, als die Ärzte es per Kaiserschnitt herausholten. Schwer wie zwei Päckchen Butter. Da lag es nun also, und die Frage war: Was tun? Sollten die Ärzte alles dafür tun, das Kind zu retten? Oder sollte man es sterben lassen, weil es zu schwach war, zu unreif?

3657 Kinder kamen 2012 in Deutschland mit einem Gewicht von unter 1000 Gramm zur Welt; 504 von ihnen wogen weniger als 500 Gramm. Früheste Frühgeburten nennen Ärzte Kinder, die vor der 28. Schwangerschaftswoche geboren werden – und bei denen das Leben mitunter am seidenen Faden hängt. Nieren, Darm und Immunsystem der Kleinen sind noch unreif, vor allem die unterentwickelte Lunge macht Probleme. Dabei steigt die Chance für das Kind mit jedem Tag: Bei einer Geburt nach 24 Wochen liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit bei etwa 50 Prozent, ab 26 Wochen bereits bei weit über 90 Prozent.

Doch es ist nicht nur eine Frage des Überlebens: Von den Allerkleinsten, die es schaffen, werden nur 30 Prozent ganz gesund. Der Rest spürt lebenslang die Folgen – mal harmlos, mal massiv: Es kann sein, dass das Kind schlecht hört oder sieht; und es kann sein, dass es einen schweren Hirnschaden hat, nie wird laufen können und ein Leben lang beatmet werden muss.

All diese Risiken erklären die Ärzte den Eltern möglichst bereits vor der anstehenden Geburt. „Es ist eine sehr schwierige und ganz heikle Beratungssituation“, sagt der Gynäkologe Prof. Dr. Alexander Strauss von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. „Viele Eltern sagen erstmal, dass man alles für ihr Kind tun soll. Oftmals können sie aber die Folgen nicht vollständig übersehen. Wir versuchen ihnen ein realistisches Bild zu geben.“ Und natürlich reagiert die 42-jährige Kinderwunschpatientin, die bereits zwei Fehlgeburten hinter sich hat und für die dieses Baby die letzte Chance auf Nachwuchs ist, anders als eine 18-jährige Schülerin, die sich fragt, wie um alles in der Welt sie ein behindertes Kind aufziehen sollte.

Zum Schluss entscheidet – solange das Ungeborene Teil des mütterlichen Körpers ist – die Mutter. Völlig richtig, findet Alexander Strauss, der pro Jahr bis zu 20 früheste Frühgeburten zur Welt bringt. „Man kann die Entscheidung über Leben und Tod doch nur der Einzigen überlassen, die sie treffen kann. Und ich habe noch nie Eltern erlebt, die es sich in dieser dramatischen Dilemmasituation leicht gemacht oder verantwortungslos entschieden hätten.“ Doch nicht überall haben die Mütter immer die Chance zu entscheiden: Während in Deutschland oder Österreich im Einzelfall bereits Kinder ab der 23. Woche (22+0 Tage) am Leben gehalten werden, behandeln Niederländer und Schweizer Babys in der Regel erst ab der 24. Woche: Bei der Abwägung zwischen den belastenden Folgen und möglichen Langzeitschäden auf der einen und dem Überlebenswunsch auf der anderen Seite kommen sie zu anderen Einschätzungen.

„Und das ist ein ganzer Mensch“, denkt Alexander Strauss mitunter, wenn er so ein kleines Wesen in seinen Händen hält. „So erschreckend klein und fragil, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es sich zu einem gesunden Kind entwickeln kann.“ Aber es kann. Fanny, das kleine Baby der Schauspielerin, ist heute 15 Jahre alt – und gesund.

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