Erziehung : „Lasst eure Kinder spielen!“

Was macht ein gutes Kinderspiel aus? Spielekritiker Helge Andersen weiß es.
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Was macht ein gutes Kinderspiel aus? Spielekritiker Helge Andersen weiß es.

Spielekritiker Helge Andersen über gute Spiele – und wie man sie findet.

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08. November 2015, 09:00 Uhr

Herr Andersen, was war Ihr Lieblingsspiel als Kind?
Das dänische Kartenspiel „Eselspiel“ und das Tischfußballspiel „Tipp-Kick“.

Was ist denn ein gutes Kinderspiel?
Eines, das Kinder immer wieder spielen möchten.

Und wann stehen die Chancen dafür gut?
Das Material ist wichtig. Das wohl bekannteste Kindergartenspiel „Obstgarten“ etwa hat schönes Obst aus Holz und Spankörbe. Dünne Pappe oder Plastikteile, die schnell kaputt gehen, bringen keinen Spaß. Außerdem müssen die Kinder mit dem Thema etwas anfangen können, und es sollte sich eine alternative Welt auftun.

Wie erkennen Eltern ein gutes Spiel?
Wichtig ist, dass Eltern gezielt nach einem bestimmten Spiel suchen und nicht im Geschäft gucken, was da so in den Regalen steht. Im Idealfall haben sie es bei Freunden schon einmal gespielt, oder es ist ihnen empfohlen worden. Außerdem gibt es zu fast jedem Spiel kurze Filme auf Youtube, die Spielsituationen zeigen. Oder man googelt nach Spielebesprechungen. Hat man ein Lieblingsspiel, kann man auch nach anderen Spielen desselben Autors suchen. Übrigens: Die meisten Spiele, die sich an Fernseh-, Buch- oder Kinoerfolge anhängen, sind nicht besonders gut. Sie werden eben nicht über eine tolle Spielidee, sondern bekannte Charaktere vermarktet.

Kann man sich am Kinderspiel des Jahres orientieren?
Das wird von einer Fachjury gekürt und ist ein Anhaltspunkt. Dazu gibt es erweiterte Empfehlungslisten. Außerdem gibt es noch den Deutschen Kinderspielpreis, über den vor allem Spieler und Händler abstimmen.

Wie testet man als Erwachsener denn eigentlich Spiele für Kinder?
Auf Grundlage meiner Erfahrung treffe ich eine Vorauswahl. Und dann ist es ganz einfach: Ich spiele mit Kindern. Früher habe ich mit meinen Schülern gespielt, heute mit Kindern von Freunden. Da erlebe ich dann teilweise mein blaues Wunder: Spiele, die mir gefallen, langweilen die Kinder – oder umgekehrt. Wenn alle gleichermaßen Feuer und Flamme sind, weiß ich: Das ist ein Glücksgriff.

Welche Fehler machen Hersteller oft?
Unverständliche Spielregeln – dann hat das beste Spiel keine Chance. Außerdem darf es nicht zu viele Zufallsfaktoren geben. Kleine Kinder spielen kaum strategisch, das ist klar. Aber mindestens ab vier, fünf Jahren sollten sie Auswahlmöglichkeiten haben. Bei „Mensch, ärgere dich nicht!“ zum Beispiel die Entscheidung, welche ihrer vier Figuren sie ziehen.

Warum ist Spielen für Kinder wichtig?
Kinder tauchen in eine andere Welt ein, in der nicht die Erwachsenen bestimmen, sondern sie selbst. Sie spielen in Gemeinschaft, üben soziales Verhalten und Rücksichtnahme. Und sie lernen zu verlieren und zu gewinnen. Der größte Fehler, den Erwachsene machen können, ist, das Kind absichtlich gewinnen zu lassen. Man sollte das mit dem Gewinnen und Verlieren stattdessen nicht so hoch hängen. Das Spiel an sich soll Spaß bringen, nicht nur der Erfolg.

Inwiefern haben sich Kinderspiele im Laufe der Zeit gewandelt?
Sie sind anspruchsvoller geworden. Und die Namen sind origineller. „Zicke Zacke Hühnerkacke“ hätte vor ein paar Jahrzehnten wohl kaum jemand ein Spiel genannt.

Spielen Kinder heute anders als früher?
Nein. Kinder spielen unglaublich gern. Deshalb, meine lieben Eltern: Lasst eure Kinder spielen!

Der pensionierte Lehrer Helge Andersen (68) testet seit Anfang der 70er Jahre Spiele. Der Spielekritiker schreibt Rezensionen und hat über 20 Spiele erfunden. In seinem Leben hat er etwa 10  000 Spiele gespielt.

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