zur Navigation springen

Ist das Kind wirklich krank? : Krankheit oder Mode?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Experten kritisieren die Diagnose von Störungen, die gar keine sind – Modekrankheiten.

Von einem Moment auf den anderen tobt der Zehnjährige vor Wut, dann wieder ist er tieftraurig. Was ist los mit ihm?

Seit einiger Zeit könnte die Diagnose lauten: DMDD. In den USA wurde die Stimmungsregulationsstörung vor drei Jahren in ein offizielles Psychiater-Handbuch aufgenommen. Und es gibt noch jede Menge andere Krankheiten und Störungen, die Kinder heute mehr denn je heimzusuchen scheinen: ADHS und Allergien, Asperger-Syndrom, Burn-Out oder eine bipolare Störung.

Die Zahl der ADHS-Diagnosen etwa stieg in Deutschland zwischen 1989 und 2001 um 381 Prozent (2006 bis 2011: 43 Prozent), die Ausgaben für ADHS-Medikamente vervielfachten sich. Die Zahl der Lebensmittelallergien soll sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt haben; nach der Einführung einer neuen Variante (nämlich: Asperger) explodierte die Zahl der Autismus-Diagnosen. Und plötzlich reden alle von Burnout oder dem Kiss-Syndrom (Fehlstellung der Halswirbelsäule) bei Kindern.

Aber: Sind diese Leiden heute wirklich häufiger? Wurden sie vorher übersehen? Oder sind es gar Modekrankheiten? Erkrankungen also, die keine einheitlichen Kriterien und nur unscharfe Symptome hergeben, an der aber plötzlich auffallend viele Patienten zu leiden glauben. „Jede Krankheit ist ein gesellschaftliches und kulturelles Konstrukt“, weiß Medizinhistoriker Dr. Michael Stolberg von der Uni Würzburg. Hysterie etwa wurde früher damit erklärt, dass die Gebärmutter der Frau umherwandere – prompt spürten landauf, landab Frauen, wie ihre Gebärmutter in ihnen aufstieg. Als dieselbe Krankheit mit Dämpfen im Körper in Verbindung gebracht wurde, meinten Patientinnen eben diese Vorgänge zu fühlen. „Patienten übernehmen selbst das Konzept, weil sie in der Kultur aufgewachsen sind.“ Sprich: Wenn alle Welt von ADHS redet, hat mein Kind das vielleicht auch.

Gisela Schott von der Arzneimittelkommission des Deutschen Ethikrates kritisiert, dass normale Prozesse des Lebens plötzlich als medizinisches Problem dargestellt, neue Krankheitsbilder geradezu erfunden und leichte Symptome zu Vorboten schwerer Leiden stilisiert würden – auch bei Kindern.

Bereits 1992 prangerte die Journalistin Lynn Payer das „Disease Mongering“ an, den Handel mit Krankheiten. Ihr Vorwurf: Normales wird zur Krankheit erklärt, um den Markt für jene zu vergrößern, die eine Behandlung verkaufen. Krankheitserfindung sozusagen. Wie bei DMDD? Die Skepsis ist jedenfalls da. US-Psychiater Allen Frances etwa warnte vor einer „neuen falschen Epidemie“ – nach ADHS, Asperger-Syndrom und der bipolaren Störung. Eine weitere Modekrankheit sei geschaffen und es würden noch mehr Kinder zu Unrecht als krank eingestuft.

„Wenn Ärzte die Symptome nicht zuordnen können, muss eben eine Modekrankheit herhalten. Sie wissen zwar nicht genau, was sie vor sich haben, aber es passt so schön“, kritisiert Stolberg. Und zwar für alle Beteiligten: Der Arzt ist zufrieden, weil er eine Diagnose gefunden hat; der Patient, weil seine Beschwerden anerkannt werden. Begünstigt wird das von der immergroßen Sorge ums Kind. Der Mediziner Dr. Michael Hauch kritisiert in seinem Buch „Kindheit ist keine Krankheit“, dass normale Variationen in der Entwicklung pathologisiert würden. Wer aufsässig ist, habe ADHS, wer schlecht in Mathe ist, Dyskalkulie, und wenn ein Baby viel schreit, sei womöglich seine Halswirbelsäule blockiert.

„Varianzen in der Entwicklung werden oft als Entwicklungsverzögerungen- oder -störungen diagnostiziert und als therapiebedürftig dargestellt“, bestätigt Dehtleff Banthien, Vorsitzender der Kinderärzte im Land. „Aber was ist, wenn die angebliche (...) Störung des Kindes keine wirkliche Störung ist? (...) Wenn wir aus gesunden Kindern kranke Kinder machen, weil wir nicht an unsere Kinder glauben?“, fragt Michael Hauch in seinem Buch. Dann geht es dem Kind ja bestens. Wir wissen es bloß nicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen