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Eltern und Kind

24. November 2017 | 17:58 Uhr

Familie : Kinderwelt im Wanken

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mama weint ständig. Papa will nicht mehr zur Arbeit. Wenn Eltern in Krisen geraten, betrifft das auch die Kinder.

Es passiert einfach und es kann jeden treffen. Etwa ein Drittel aller Menschen in Deutschland leidet unter einer psychischen Krankheit. Wenn dann Eltern in eine seelische Krise geraten, kommt auch die Welt der Kinder ins Wanken. Jetzt mit dem eigenen Nachwuchs über seine Ängste, Depression, Stress und Traumata zu sprechen ist schwierig. Die meisten Eltern wollen instinktiv ihre Kinder schützen und versuchen, ihnen ein Stück weit eine heile Welt vorzuspielen. „Doch Kinder sind klug und haben feine Antennen, sie merken schnell wenn etwas nicht stimmt“, sagt Prof. Dr. Dr. Lioba Baving, Klinikdirektorin in einem Zentrum für Integrative Psychiatrie.

„Wir können Kinder nicht davor bewahren, die Krankheit miterleben zu müssen, doch wir können ihnen helfen, damit gut umzugehen und sie trösten. Klar ist es vernünftig, ihnen unnötige Sorgen zu ersparen. Doch so zu tun, als ob alles in Ordnung ist, löst bei Kindern nur Besorgnis aus. Dann wenn das Verhalten nicht zu dem passt, was gesagt wird.“ Natürlich sei es dennoch eine gute Idee, Kinder durch schöne Erlebnisse abzulenken. Musik, Sport, Schule und Spiel sind für ihre Gesundheit von großer Bedeutung. „Grundsätzliches Schweigen ist schädlich, für alle Beteiligten“, ist sich Lioba Baving sicher.

Betroffene Eltern sollten daher nicht um den heißen Brei reden. Wörter wie „Angst“ oder „Psychose“ dürfen fallen, sie müssen allerdings sorgsam erklärt werden. Angemessene Offenheit und das ehrliche Gespräch geben Sicherheit. Wenn der betroffene Elternteil beispielsweise eine Therapie macht, sollte er auch davon erzählen. „Eltern müssen sich in erster Linie unbedingt selbst Hilfe holen, wenn sie ihren Kindern helfen wollen“, sagt Baving. Zudem ist ein gutes Netzwerk an Familie und Freunden gefragt. „Betroffene brauchen Zeit für sich und Unterstützung von Außen.“ Ein schlechtes Gewissen, wenn Mama oder Papa das Kind bei Oma und Opa „parken“ sollte man nicht haben. „Vorübergehend können auch andere Familienmitglieder zur Bezugsperson werden, das heißt noch lange nicht, dass sich das Kind dadurch entfremdet oder Schaden nimmt“, sagt die Fachärztin.

In der Gemeinschaft geht ohnehin vieles einfacher. Jugendämter und Gesundheitshäuser bieten zudem Gruppenarbeit für Kinder und Jugendliche aus betroffenen Familien an. Beispielsweise nach Scheidung oder einem Todesfall in der Familie. „Es tut der Psyche gut, über seinen Kummer mit anderen sprechen zu können“, sagt Baving. Die meisten Krisen gehen vorbei, auch das solle man sich und seiner Familie immer bewusst machen. „So lernt man früh, dass man Krisen bewältigen kann.“ Es sei besonders wichtig, seinen Kindern immer wieder zu verdeutlichen, dass sie keinen Anteil an der psychischen Erkrankung eines Erwachsenen haben. „Viele Kinder fühlen sich schuldig und reagieren auf ganz unterschiedliche Weise darauf.“ Einige werden launisch, gereizt, aggressiv oder werden einfach nur traurig. „Es kann passieren, dass Heranwachsende das gezeigte depressive Muster übernehmen. Wir müssen ihnen dabei helfen zu unterscheiden, welche Gefühle zu uns und welche zu ihnen selbst gehören“, so Baving.

Doch Lioba Baving weiß aus ihrer jahrelangen Erfahrung, dass Kinder oft besser mit den Krisen ihrer Eltern umgehen können, als diese meinen. „Zum Beispiel muss nicht jedes Scheidungskind automatisch verhaltensauffällig werden“, ergänzt die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Eine psychische Veranlagung kann genetisch bedingt oder im Laufe der Kindheit erworben sein. Schlimme Erlebnisse in dieser Zeit können die Anfälligkeit für Ängste und Depressionen erhöhen. Manchen Menschen verleihen solche Erlebnisse jedoch auch eine besondere Stärke. Lioba Baving spricht hier von Resilienz, die Fähigkeit sein inneres Gleichgewicht selber wieder zu finden und gestärkt aus Krisensituationen hervorzugehen. Die Ärztin rät allen Eltern, keine Scheu zu haben, sich anderen anzuvertrauen und Wege aus der Sprachlosigkeit zu finden.

 


Unter www.kipsy.net findet sich eine Datenbank mit regionalen Angeboten, sowie eine Vielzahl an Literaturhinweisen zum Thema.



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