Zeitgefühl : Im Hier und Jetzt

Vollkommen versunken: Wenn Kinder in etwas vertieft sind, interessiert Zeit sie nicht.
Vollkommen versunken: Wenn Kinder in etwas vertieft sind, interessiert Zeit sie nicht.

„Schon wieder ein neues Jahr!“ So reden momentan Erwachsene. Und Kinder? Über ein anderes Zeitempfinden.

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02. Januar 2016, 15:42 Uhr

„Das letzte Jahr ging aber wieder schnell vorbei!“ Ein typischer Satz an Silvester. Wohlgemerkt: Ein typischer Satz eines Erwachsenen. Ein abgelaufenes Jahr? Ist für Kinder so spannend wie gute Vorsätze.

„Die meisten Zeitvorgaben, die Erwachsene leben, sind für Mädchen und Jungen zunächst vollkommen uninteressant. Für sie zählt, in welchen Rhythmen sie sich die Welt spielend erobern“, weiß Maria-Eleonora Karsten, Professorin für Sozialpädagogik an den Leuphana-Universität in Lüneburg, die seit 20 Jahren zum Zeitbegriff von Kindern forscht. Sprich: Für Kinder ist spannend, dass sie, wenn es an Silvester dunkel wird, endlich ihr neues Prinzessinen-Kostüm für Rummelpott anziehen können, dass sie lange aufbleiben dürfen und danach noch drei mal schlafen ohne in den Kindergarten zu müssen. Aber ein ganzes Jahr?

Ist für kleine Mädchen und Jungen so abstrakt wie alle Zeitbegriffe. Nach Ansicht von Entwicklungspsychologen verläuft die Ausbildung eines Zeitbewusstseins bei Kindern in drei Stufen. Die erste dauert etwa bis zum Schulalter und nennt sich naives Zeiterleben: Kinder trennen die Zeit nicht von ihrem Erleben. Sie sind komplett gegenwartsbezogen, auch wenn sie Begriffe wie „morgen“ oder „Sonntag“ schon benutzen. Erst in der zweiten Phase, dem Grundschulalter – zwischen sechs und acht Jahren – überblicken sie Zeiträume von einem oder mehreren Jahren und differenzieren zeitliche Ordnungsbegriffe. Mit der Pubertät setzt dann eine Phase ein, in der Jugendliche über ihre eigene Zeitlichkeit nachdenken.

Doch dass kleine Kinder Zeitbegriffe nicht verstehen und Zeiträume nicht überblicken, bedeutet nicht, dass Zeit für sie nichtig ist. Schon Babys lernen Abläufe: Füttern, wickeln, Schlaflied. Kleinkinder begreifen Zeit im Erleben: Die Dauer der Autofahrt zur Oma. Die Dauer einer Folge „Sandmännchen“. Abendbrot essen. Der Weg in den Kindergarten. Ihr Zeitgefühl hängt von der Situation ab: „Sind sie im Spiel vertieft, spielt Zeit keine Rolle; ist ihnen langweilig, wird Zeit zum ,bösen Feind’“, erklärt Maria-Eleonora Karsten.

Und das neue Jahr? „Die Dauer eines Jahres kann erst überblickt werden, wenn aus vielen kleinen und großen Zeiterfahrungen eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft entwickelt wird“, sagt die Wissenschaftlerin. Und das kann man durchaus fördern: indem man mit Kindern über Zeitbegriffe spricht. Allerdings möglichst nicht auf Erwachsenenart. „Es ist wichtig, möglichst wenig ungenaue Zeitbegriffe zu verwenden wie gleich, sofort, bald oder noch einen Moment“, rät Maria-Eleonora Karsten. Mit diesen Wörtern können Kinder wenig anfangen, zumal ein „gleich“ von Erwachsenen nicht immer zuverlässig ist.

Stattdessen sollte man ihnen Zeit anhand von Situationen erklären, die sie kennen: Bis Silvester müssen wir noch drei Mal schlafen. Oder: Ein Jahr ist vorbei, wenn wir wieder Frühling, Sommer, Herbst und Winter erlebt haben. Oder: Wir fahren zu Oma, wenn wir gegessen und den Tisch abgeräumt haben. Man kann auch am Kalender zeigen, wann der Urlaub beginnt oder mit dem Kind jeden Abend die Tage bis zu seinem Geburtstag durchstreichen. Insgesamt gilt: Wer viel erzählt, erinnert, zeigt und erklärt, hilft seinem Kind, seine Erlebnisse zur Zeit in Beziehung zu setzen.

Und vielleicht wachsen unsere Kinder bald schon mit einem gänzlich anderen Zeitbegriff auf. „Durch die neuen Medien und die Digitalisierung kann erwartet werden, dass Kinder in Zukunft durchaus andere Zeitvorstellungen entwickeln“, sagt Maria-Eleonora Karsten. Bis dahin freuen sie sich auf: Das Erwachen, wenn sie wieder mit der neuen Puppe spielen können. Ihren Geburtstag, der ist aber noch über 100 Tage hin, also ewig. Den Tag, an dem sie wieder im Planschbecken baden können.

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