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Therapeutisches Reiten : „Ich sitze auf einer Wolke“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zur Ruhe kommen, Bewegung spüren, Kontakt zur Welt finden – das therapeutische Reiten zeigt bei Kindern mit Entwicklungsstörungen Wirkung.

Der sechsjährige Mika ist eigentlich ein ganz normaler Junge. Ein wenig zappeliger als andere, häufig unkonzentriert, und er lässt sich leicht ablenken. Schule findet er doof, zu oft eckt er an. „Wahrnehmungsstörung“ lautet die ärztliche Diagnose. Doch wenn Mika auf dem Shetland-Mix Loona sitzt, dann wird er ganz ruhig, sammelt sich und vergisst für einen Moment die Welt um sich herum. Er träumt sich einfach weg. Dann sitzt er auf einer Wolke, der weiße Fellfleck auf dem Rücken des Ponys. „Ich kann fliegen“, sagt Mika und breitet die Arme weit aus.

Einmal die Woche kommt Mika mit seiner Mutter zum therapeutischen Reiten. Gut eine halbe Stunde hat er Loona und die Trainerin Gudrun Backes für sich allein.

War der Tag aufregend, dann lässt die entspannte Trainerin den Sechsjährigen einfach nur erzählen und „runterkommen“. Mika lehnt sich zurück und liegt auf dem Rücken des Vierbeiners, schließt die Augen und spürt das gleichmäßige Traben unter sich. Er erzählt vom Tag, von Dingen, die ihn beschäftigen oder sagt einfach gar nichts. Gut eineinhalb Jahre kommt Mika nun schon zur Reittherapie. Rückwärtssitzen, Ballfangen und Galoppieren sind mittlerweile ein Einfaches für den Erstklässler. Die Trainerin bleibt dennoch immer in seiner Reichweite.

Gudrun Backes hat eine zweijährige Ausbildung als heilpädagogische Reittrainerin abgeschlossen und beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit Kindern, die ganz unterschiedliche Anforderungen mitbringen.

Der neunjährige Frodo beispielsweise ist Autist und tief in seiner eigenen Welt versunken. Seit fünf Jahren kommt er nun schon zum Reiten. „Für Frodo ist das schon viel mehr ein Hobby als Therapie. Er ist dann einfach glücklich“, sagt seine Mutter. Immer mit dabei ist sein kleiner Bruder Leif (5). Das Reiten ist eines der wenigen Dinge, das sie gemeinsam machen können.

Frodo lebt ohne Sprache, doch manchmal findet er einen Weg, um mit dem Pony zu kommunizieren. „Meistens ist es nur ein kurzer Augenkontakt oder ein Streicheln über die Mähne“, sagt Gudrun Backes. Für Frodo ein großer Sprung.

Wie die Reittherapie genau funktioniert, kann Gudrun Backes nicht in zwei Sätzen erklären. Doch unzählige Untersuchungen haben gezeigt: sie funktioniert. „Es passiert ganz viel im emotionalen Bereich“, erklärt Backes. Es ist vermutlich die dem Menschen zugetane Art der Pferde und der gleichmäßige Rhythmus, die das Gefühlszentrum ansprechen. „Pferde tragen ihren Menschen und geben ihnen das Gefühl von Geborgenheit und Schutz“, so die Reittrainerin.

Ebenso motorische Fähigkeiten werden geschult. „Beim Traben beispielsweise müssen die Beine stark gemacht und das Gleichgewicht gehalten werden.“ Die soziale Kompetenz spielt eine Rolle in der Reittherapie. „Wer gut mit dem Pferd umgeht, bekommt das zurück“, sagt die Fachfrau. So sind auch oft Kindergartengruppen auf dem Ponyhof zu Besuch.

Christiane Petersen ist Mutter der 13-jährigen Janina, die mit dem Williams-Beuren-Syndrom (WBS) auf die Welt gekommen ist und nur langsam ins Leben fand. Mit zwei Jahren bekommt sie ein Pony von ihren Eltern. „Ein halbes Jahr später konnte sie laufen“, sagt Christiane Petersen. Heute gehört das Tanzen zur Lieblingsbeschäftigung von Janina.

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