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Eltern und Kind

23. Oktober 2017 | 15:43 Uhr

Vorwürfe : Hilfe ja, Kontrolle nein

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

So können Kinder überforderte Eltern unterstützen

Es kann der Abschluss einer fragwürdigen Versicherung sein, die Weigerung, das riesige Haus zu verkaufen, oder der Einkauf auf einer dubiosen Kaffeefahrt: Eltern treffen manchmal Entscheidungen, mit denen sie im Nachhinein nicht unbedingt glücklich sind. Häufig landet das Problem dann bei den Kindern. Von ihnen erhoffen sich Eltern Hilfe. Sprüche wie „Das hätte ich dir gleich sagen können“ oder „Hättest du mich doch vorher gefragt“ sollten Kinder sich dann besser verkneifen. „Natürlich darf man sich ärgern, aber Vorwürfe bringen niemanden weiter“, erklärt Eva-Maria Popp, Coach und Kommunikationstrainerin aus Pfarrkirchen bei Passau.

Bei Kindern kommt in solchen Momenten durchaus die Skepsis auf, ob die Eltern noch in der Lage sind, wichtige Entscheidungen zu treffen. Doch Vorsicht! „Niemand ist davor geschützt, falsche Entscheidungen zu treffen – die Eltern ebenso wenig wie die Kinder“, sagt Psychotherapeutin Roswitha Brühl. Was die Eltern mit ihrem Geld und ihrem Leben machen, ist ihre Sache. Umgekehrt gilt das schließlich ebenso. Kein erwachsenes Kind möchte ständig von seinen Eltern bevormundet werden.

„Man sollte in sich gehen und sich in den anderen versetzen: Wenn ich es wäre, wie würde ich wollen, dass man mit mir umgeht?“, rät Helga Maria Lauchart. Sie ist psychologische Psychotherapeutin und Buchautorin aus Unterwössen nahe Rosenheim. Die meisten würden wohl erwarten, dass ihnen in einer schwierigen Situation geholfen wird. Das Signal an die Eltern sollte also sein: „Wir halten zusammen, ich unterstütze euch.“

Daraus dürften Kinder allerdings nicht den Anspruch ableiten, künftig stets in Entscheidungen eingebunden zu werden. Andererseits kann es frustrierend sein, hinterher die Kohlen aus dem Feuer holen zu müssen. Eine schwierige Gratwanderung.

„Es ist wichtig, eine eigene Position zu finden“, empfiehlt Popp. Die Kinder sollten für sich herausfinden, wie sehr sie sich engagieren und einspannen lassen möchten in das Leben und die Entscheidungen der Eltern – und wo die eigene Grenze liegt. Das ist jedoch keine Einbahnstraße: Die Eltern sollten ebenfalls gefragt werden, was sie sich wünschen und vorstellen. „Man sollte sich möglichst frühzeitig zusammensetzen und gemeinsam überlegen, was beide Seiten wollen und wie sie dies umsetzen“, rät Popp.

Grundsätzlich ist der Austausch in der Familie wichtig. Popp empfiehlt hier „aktives Zuhören“. Das bedeutet, viele Fragen zu stellen und auch zwischen den Zeilen der Antworten zu lesen. Die Mutter hat wieder einiges beim Homeshopping-Kanal bestellt? Vielleicht muss man sogar zubuttern, weil sie zu viel Geld ausgegeben hat? „Man sollte sich fragen, was dahinter steckt, warum sie das tut.“ Vielleicht ist sie einsam und freut sich über den Postboten oder den Anruf bei dem Sender, um ein wenig zu plaudern.

Statt ihr nur Geld zu geben, kann man der Mutter vorschlagen, mit ihr einkaufen zu gehen oder ins Café – und sie mehr unter Menschen zu bringen. Erzwingen kann man dabei aber nichts. „Auch fürsorgliche Bevormundung ist Bevormundung“, erklärt Brühl. Eltern sind mündige Menschen – auch im Alter.

Kinder sollten ihre Motivation hinterfragen: Ist es echte Sorge um die Eltern, ob sie es noch schaffen, Entscheidungen größeren Ausmaßes zu treffen, ist es Interesse an dem, was die Eltern bewegt und beschäftigt – oder ist es der Gedanke ans Erbe und der Wunsch nach Kontrolle?

Ernst gemeintes Interesse bedeutet nicht, den anderen auszuhorchen. Dann nämlich macht das Gegenüber zu, fühlt sich überwacht. Popp empfiehlt „Ich-Botschaften“: „Ich möchte dir gern helfen, ich mache mir Sorgen.“

Wenn Eltern das Angebot der Unterstützung nicht annehmen – auch gut. „Das ist ebenfalls eine Entscheidung der Eltern, die zu respektieren ist“, sagt Popp. Keineswegs sollte man ungefragt Ratschläge erteilen.

Manche älteren Menschen lehnen Unterstützung ab, weil sie Angst haben, ihre Selbstständigkeit zu verlieren oder anderen zur Last zu fallen. Auch hier könne es helfen, wenn Kinder von sich sprechen: „Ich würde mich besser fühlen, wenn ich dich unterstützen dürfte.“

Nicht nur interessiertes Fragen kann helfen, einen Menschen dazu zu bewegen, sich zu öffnen und von sich und seinen Wünschen zu sprechen. „Man kann über sich erzählen, über das, was man gerade erlebt hat, wie man sich fühlt“, rät Brühl. Oder man berichtet von Freunden und deren Eltern, was ihnen widerfährt und wie sie miteinander umgehen. „So baue ich Brücken“, erklärt Popp.

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