HEY, Familie! : „Papa“ für einen Tag

Einen Tag lang sollte ich auf Toni aufpassen und sein Papa sein.
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Einen Tag lang sollte ich auf Toni aufpassen und sein Papa sein.

Im Selbstversuch erfährt unser Redakteur Kevin Berg, wie es ist für einen Tag Vater zu sein.

svz.de von
27. Juni 2019, 15:24 Uhr

Als die Idee aufkam, ich könnte für unser Magazin einen Tag „Papa“ für ein Kind sein, war mir nicht bewusst, wie anstrengend das ist, konnte mich aber nach und nach mit dem Plan anfreunden. Einen Tag lang Papa sein. Ich, 25 Jahre alt und im Kopf beinahe selber noch ein Kind. Wer würde mir schon sein Kind anvertrauen? Der erste Kollege, den wir fragten, sagte direkt zu. Er würde seinen neunjährigen Sohn Toni für einen Tag in meine Obhut geben. So einfach kann also Papa werden sein.

Sonntag, 10 Uhr. Es klingelt an meiner Tür und mein Sohn für einen Tag macht sich mit seinem Papa Steffen auf den Weg nach oben. Obwohl ich ihn kenne und wir uns gut verstehen, bin ich nervös. Glaube ich. Oben angekommen erkundet Toni direkt meine vier Wände. „Du hast eine ganz schön kleine Wohnung“, fällt er direkt sein Urteil. „Größer als dein Zimmer“, denke ich, spreche es aber nicht aus. Wir haben schließlich noch den ganzen Tag vor uns. Nach einem kurzen Schnack ist der Zeitpunkt gekommen, sich von Steffen zu verabschieden. Noch wirkt Toni sehr auf seinen Papa fixiert. Als sich die Tür hinter ihm schließt, kehrt Stille ein. Wir sitzen auf der Couch und schweigen uns an. Redet er zuerst? Soll ich etwas sagen? Ich hab das doch noch nie gemacht. Mit einem gekonnten „so“ eröffne ich die Gesprächsrunde. Toni sieht mich nicht mal an. „So“ habe ich mir das vorgestellt. Neuer Versuch. Ich schalte den Fernseher ein und starte Space Jam mit dem legendären Michael Jordan. Er kennt ihn nicht. Ich fühle mich alt.

Natürlich bin ich nicht unvorbereitet. Von Steffen habe ich erfahren, dass Toni Baseball spielt. Darüber wird er doch bestimmt reden wollen. Zu Beginn beantwortet der sportbegeisterte Grundschüler alle meine Fragen kurz und knapp, aber nach einer Weile taut er auf. Der laufende Film ist plötzlich egal. Wir unterhalten uns sicher 30 Minuten lang über Baseball und ich merke, wie der 9-jährige in dem Thema aufgeht. Er erklärt mir die Regeln, die einzelnen Aufgaben der Spieler und welche seine Lieblingsposition ist. Ungewöhnlich und deshalb spannend für mich. Nach dem Gespräch verfolgen wir wortlos den Film und ich muss den Drang unterdrücken, ihn nicht dauerhaft beschäftigen zu wollen aus Sorge, dass ihm langweilig sein könnte. Papa sein meint sicher nicht, rund um die Uhr für die Unterhaltung eines Dreikäsehochs verantwortlich zu sein. Hoffe ich. Ich erinnere mich daran, wie es früher bei mir war. Mit meinem Bruder habe ich Stunden damit verbracht, auf unserem Autoteppich Verfolgungsjagden zu inszenieren. Ohne Eltern und ohne Zeitgefühl. Auf meinem Teppich sind weder Straßen und Häuser, noch habe ich eine ganze Schublade voller Autos in allen Farben und Formen.

Worauf ich allerdings Autos habe, ist mein Handy. Ich habe mir Mühe gegeben es so wenig wie möglich zu benutzen. Meine ganze Aufmerksamkeit soll Toni gelten. Seine gilt nun allerdings meinem Smartphone. Als wäre es das natürlichste der Welt, wandern seine Finger über den Bildschirm. Als ich neun Jahre alt war, galt mein Interesse dem Fußball und dass ich dabei meine Hose nicht wieder komplett beschmutze. Toni hingegen kommt beinahe besser mit meinem Handy klar, als ich. Es macht ihm sichtlich Spaß, mit einem virtuellen Auto über die Rennbahn zu heizen. Außerdem hat er wahnsinnige Freude daran, einem Fahrzeug, das ihn beim Ausparken berührt hat, hinterher zu fahren und es zu rammen. In mir kommt der Gedanke auf, dass ich genau das vermeiden wollte. Mein Plan war nicht, ihn mit lauter Technik bei Laune halten. Aber gleichzeitig will ich nicht der uncoole Typ sein, der ihm alles verbietet. Also einigen wir uns auf eine festgelegte Zeit, in der er spielen darf. Toni ist einverstanden und ich ein wenig stolz, dass wir einen guten Mittelweg gefunden haben. Und so darf Toni ein paar Runden spielen und legt danach das Handy weg. Ganz ohne das obligatorische: „Noch eine Runde.“

Als nächstes zeige ich ihm, wie meine Familie und ich unsere Nachmittage verbracht haben. Ein paar Karten und ein Tisch, mehr brauchten wir damals nicht. Obwohl gute 16 Jahre vergangen sind, ist Toni begeistert von meiner Idee. So spielen wir Runde um Runde Mau Mau und Toni freut sich diebisch über jeden Sieg. Ich verliere nicht, weil ich ihn gewinnen lassen will, sondern weil ich einfach kein Glück habe. Toni hat dafür umso mehr und lässt mich nur zu gern daran teilhaben. Wie ein Duracellhase springt er durch meine Wohnung. Aber höflich wie er ist, bietet er mir nach jeder Runde an auch mal zu mischen. Das beeindruckt mich. Nach meiner 20. Niederlage beende ich das Spiel. Toni wird zu aufgedreht.

Nach einer leckeren Portion Pommes mit Nuggets will ich mit ihm nach draußen. Mit Pokemon Go auf meinem Handy, habe ich das perfekte Lockmittel. Toni ist begeistert und kann es kaum erwarten auf Pokemonjagd zu gehen. Keine zehn Minuten später ist er voll dabei und läuft kreuz und quer über Wege und Wiesen. Gebetsmühlenartig muss ich ihn immer wieder daran erinnern, dass er doch bitte nach vorne schauen soll und wie Kinder eben sind, macht er es auch kurz, nur um danach wieder mit den Augen auf das Handy zu wandern. Wenigstens ist er draußen. Der Kontakt mit Smartphones scheint heutzutage irgendwie dazu zu gehören.

Komplett Kind ist Toni dann allerdings wieder, als wir an einem Kletterspielplatz vorbei kommen. Plötzlich ist das Handy absolut uninteressant und er wetzt über den Spielplatz und hangelt sich durch die Seile. Ich muss den Instinkt unterdrücken, ihm immer wieder sagen zu wollen, er solle seine Hose nicht dreckig machen und bitte nicht vom Klettergerüst stürzen. Unnötig, wie ich herausfinde, denn Toni ist im wilden Herumhangeln mindestens so geübt, wie im Rammen von virtuellen Autos. Da es bewölkt und windig ist, muss ich seine Frage, die Jacke ausziehen zu dürfen, verneinen. Als ein paar Augenblicke später sein Papa zu uns stößt, ist sein erster Satz: „Zieh die Jacke ruhig aus.“ „Sag ich doch“, denke ich mir. Gemeinsam schauen wir Toni noch ein wenig beim Klettern zu und als wir uns verabschieden, fragt Toni seinen Papa: „Darf ich noch mal zu Kevin?“ Ich grinse innerlich.

Als ich zu Hause ankomme, reflektiere ich das Erlebte. Es war herausfordernd, aber auch spannend einen 9-jährigen für einen Tag  beschäftigen zu können. Es hat definitiv Spaß gemacht, aber ich bin bei Weitem noch nicht bereit dafür, jeden Tag Papa zu sein. Ich gehe jetzt Mau Mau üben.

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