HEY, Familie! : Gesucht und gefunden: „Die Extra-Oma“

Natürlich darf Ingrid Trottnow auch bei Geburtstagen nicht fehlen
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Natürlich darf Ingrid Trottnow auch bei Geburtstagen nicht fehlen

„Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ So lautet ein afrikanisches Sprichwort. Doch was passiert, wenn besagtes ‚Dorf‘, also die eigene Verwandtschaft in der gesamten Bundesrepublik verteilt ist?

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27. Juni 2019, 15:24 Uhr

„Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ So lautet ein  afrikanisches Sprichwort. Doch was passiert, wenn besagtes ‚Dorf‘, also die eigene Verwandtschaft in der gesamten Bundesrepublik verteilt ist? Was kann eine junge Familie tun, wenn die eigenen Eltern zu weit weg wohnen?

Es ist ein sonniger Tag Anfang Mai. In der Kröpeliner-Tor-Vorstadt in Rostock pulsiert das Leben auf den Straßen. Viele Väter, Mütter und Großeltern sind mit ihren Kindern und Enkeln auf den öffentlichen Plätzen der Stadt unterwegs, spielen, essen Eis, genießen das Wetter.

Ich bin mit Jana Ulrich, ihren Kindern Jessica und Oliver und ihrer „Extra-Oma“ Ingrid Trottnow verabredet. Extra-Oma, weil Ingrid Trottnow nicht mit den Ulrichs verwandt ist, sondern ehrenamtlich, über den Seniorenbeirat Rostock, ihren Weg zu Familie Ulrich gefunden hat. Hergestellt hat den Kontakt damals Irmtraud Thomsen. Doch beginnen wir am Anfang.

Ingrid Trottnow hat vor mehr als vier Jahren, kurz vor der Rente überlegt, was nach dem aktiven Berufsleben kommen kann bzw. kommen soll. Für sie stand fest, nur Rentner, das reicht nicht. „Ich wollte etwas machen, um fit zu bleiben. Etwas, bei dem ich mich gebraucht fühle. Etwas, das Sinn ergibt und einen Mehrwert erzeugt.“ Dass es etwas mit Kindern sein würde, war auch von Anfang an klar. Zufällig stieß sie in der NNN auf einen Artikel, der sich mit dem Thema „Ersatzgroßeltern“ in Rostock beschäftigte. „Als ich den Artikel über das Projekt las, dachte ich sofort: Das ist es. Da machst du mit. Ich bin also zur nächsten Infoveranstaltung gegangen und habe mich über das Projekt informiert und auch gleich angemeldet. Ja und so fing alles an.“ Parallel geisterte auch bei der zweifachen Mama Jana Ulrich das Thema Ersatzgroßeltern im Kopf herum. „Als ich meine Ausbildung beendet habe, dachte ich mir: So, jetzt hast du Zeit dich darum zu kümmern. Jetzt meldest du dich an.“ Gesagt – getan. Jana Ulrich rief Irmtraud Thomsen vom Seniorenbeirat Rostock an und bekundete ihr Interesse an einer Oma. „Ich habe immer wieder nachgehakt. Einige Monate gingen ins Land.  Und plötzlich, ganz unerwartet, während der Fahrt in den Urlaub kam der Anruf von Irmtraud Thomsen: „Frau Ulrich, ich hätte eine Oma für Sie.“ Mit dem gegenseitigen Einverständnis wurden die Telefonnummern ausgetauscht und das Abenteuer konnte beginnen.

Jana Ulrich und Ingrid Trottnow telefonierten und kommunizierten zu Beginn viel über WhatsApp. „Das fand ich cool. Ich hatte ja auch gar keine Vorstellung, wer da am anderen Ende ist und was uns erwartet“, erinnert sich Jana Ulrich. Das erste Treffen fand auf neutralem Boden in einem Cafe statt. Alle beteiligten Personen waren anwesend, auch Jessica und Oliver. „Die Aufregung war groß. Eigentlich wollte ich nur ein Kind und dann waren es auf einmal zwei“, berichtet Ingrid Trottnow schmunzelnd. „Und ich dachte nur, ok, das ist ja auch nicht verkehrt. Wenn es funktioniert, wenn es passt.“ Jessica fiel sofort auf: „Ingrid, du siehst gar nicht aus wie eine Oma.“ Das Eis war gebrochen. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Durch die Hilfe von Mutter Jana war Ingrid  im Vorfeld gut vorbereitet. Sie wusste, dass Oliver für sein Leben gern Fußball spielt, dass Jessica es liebt zu malen und zu basteln. Die Auswertung des Kennenlernens fand gleich vor Ort in Anwesenheit aller Beteiligten statt. „Jeder hat gleich vor Ort seine Vorstellungen geäußert, auch wenn die noch nicht klar definiert waren“, erzählt Ingrid Trottnow. „Es wurde offen und ehrlich miteinander kommuniziert. Anders kann das Ganze überhaupt nicht funktionieren.“ Dem Cafebesuch folgte ein Spaziergang am Stadthafen. In den nächsten Tagen lernte Ingrid Trottnow die wichtigsten Orte der Kinder kennen. Kindergarten, Hort, Schule und die Lieblingsplätze. „Wir haben besprochen, wie ich unterstützen kann, welche `Aufgaben´ anfallen.“

Als Jessica noch in den Kindergarten ging, gab es einen festen Tag in der Woche für Ingrid Trottnow und die Kinder. „Mir war und ist es wichtig, dass wir auch etwas unternehmen. Also nicht, dass ich sie nur abhole und nach Hause bringe. Wir wollen gemeinsam etwas erleben.“ Sei es der Fußballplatz, auf dem Ingrid Trottnow mit Oliver einen Nachmittag verbrachte und danach Löcher in den Socken hatte, weil sie in Sandalen spielte oder aber ein Besuch im Botanischen Garten. An all das erinnern sich Olli und Jessi gern und lachen noch heute über das gemeinsam Erlebte. Ingrid Trottnow, oder Ingrid wie sie von allen Familienmitgliedern nur genannt wird, ist heute ein Teil der Familie Ulrich.

„Es war uns immer wichtig, dass Ingrid kein Abhol- oder Bringdienst ist. Sie sollte kein Ersatzbabysitter sein. Wir wollten immer, dass sie Qualitätszeit mit den Kindern verbringt. Eine Ersatzoma ist nicht dafür da, den Alltag der Eltern zu entlasten, sondern den der Kinder zu  bereichern. Unsere Kinder sollten auch eine Beziehung zu einem Menschen haben, der in einer anderen Lebensphase ist als wir Eltern. Ich habe zwar auch noch meine eigenen Eltern, aber die wohnen so weit weg, dass wir Ingrid regelmäßiger sehen als meine Eltern. Einfach weil sie hier in Rostock vor Ort ist.“ Jana Ulrich ist glücklich über das heutige Verhältnis  zwischen Ingrid und ihren Kindern. Der Weg war jedoch zeitintensiv. „Am Anfang unserer Beziehung war es so, dass man ganz viel miteinander reden musste. Wir haben oft sonntags telefoniert und das hat gern eine Stunde gedauert. Man baut eine Beziehung auf. Fragt wie es gelaufen ist, was war gut, was weniger? Was ist für das nächste Mal geplant. Wertet aus. Das ist dann auch ganz viel Arbeit, die man von der Familienseite aus leistet. Natürlich bekommt man auch ganz viel zurück, aber man muss eben auch aufpassen, dass man gut in Kontakt miteinander bleibt.“ Kommunikation ist bei diesem Projekt das A und O. Alle müssen ihre Wünsche äußern, sich gegenseitig zuhören und Wünsche beherzigen.

Und wie reagiert das Umfeld auf Ingrid? Jessica wurde gleich zu Beginn von einer Freundin aus dem Kindergarten gefragt: Kann man das kaufen? Nein! Ist das deine Oma? Nein! „Ich bin Ingrid, nicht die Oma. Das haben wir auch von Anfang an so abgemacht. Sie konnten sich aussuchen, wie sich mich nennen und haben sich für Ingrid entschieden.“ Irmtraud Thomsen vom Seniorenbeirat ergänzt: „Bei vielen anderen Patenschaften ist es schon so, dass die Kinder ihre Ersatzoma auch Oma nennen.  Oder aber den Vornamen dazu, zum Beispiel Oma Inge.“ Jessi und Olli haben sich anders entschieden, was der Beziehung zu Ingrid keinen Abbruch tut. Jeder muss seinen Weg, sein persönliches Modell finden. Wichtig ist, dass sich alle Beteiligten wohlfühlen.

„Und wie reagierte die ‚richtige‘ Oma“, frage ich Ingrid? „Das erste Treffen fand in der Kita bei einem Event statt und ich dachte nur, ohje, was werden die jetzt wohl zu mir sagen, was werden sie wohl denken. Aber wir haben uns sehr gut unterhalten. Und ich habe auch nicht das Gefühl, ihnen etwas weggenommen zu haben. Ich glaube sogar, dass sie froh sind, dass sie und Jana die Unterstützung bekommen haben.“

Jetzt wo die Kinder älter sind, sehen sich Ingrid Trottnow und die beiden „Enkel“ seltener, da die Kinder selbstständiger werden. „In den Sommerferien ist Ingrid dann aber wieder häufiger gefragt“, berichtet Jana Ulrich. „Da stehen dann Termine an, wo ich nicht da bin und mein Mann lange arbeiten muss und dann frage ich Ingrid frühzeitig an, ob sie es einrichten kann, sich um die Kinder zu kümmern, sie abzuholen oder etwas mit ihnen zu unternehmen. Das kann dann vieles sein. Basteln oder Besuche im Botanischen Garten stehen bei Jessica hoch im Kurs. Bei Olli ist eher Fußball gefragt oder das Hütchen-Spiel, bei dem meist er gewinnt. „Ich glaube ich kann an einer Hand abzählen, wie oft  ich gewonnen habe“,  lacht Ingrid.  Auch sonst ist viel los, wenn die Kinder bei Ingrid sind. Es wird gekocht, gebacken, ins Kino gegangen, gespielt, vorgelesen oder der Rücken gekrault, bis man endlich einschlafen kann. Bis die Beziehung wie bei Familie Ulrich und Ingrid Trottnow ist, brauchen alle Beteiligten Geduld. Und für den Anfang noch etwas anderes, weiß Jana Ulrich: „Mut. Man braucht auch eine ganze Menge Mut. Ich kann mich noch gut an den Anfang erinnern. Selbst mit einem guten Bauchgefühl, ist man die ersten paar Mal aufgeregt. Fragt sich ob alles gut ist. Sagt sich, Mensch die machen das schon.“ Jana Ulrichs Kinder waren natürlich auch schon älter. „Jessica war damals fünf, Oliver sieben. Sodass ich auch immer wusste, wenn sie irgendetwas doof finden, egal was, sie würden es mir erzählen.“

Ingrid war immer aufmerksam und hat die Kinder mit ins Boot geholt. Und es war für sie auch immer in Ordnung, wenn die Kinder mal gesagt haben, ‚Ach nö, heute habe ich mal keine Lust den Nachmittag mit Ingrid zu verbringen. Heute möchte ich lieber länger im Hort bleiben und mit meinen Freunden spielen.‘ Das Wichtigste waren für sie immer die Kinder und dass sie Spaß haben. Sie hat eine Absage nie persönlich genommen. Ingrid hat immer die Kinder in den Fokus gerückt. Aber auch umgekehrt hat Ingrid manchmal keine Zeit. „Man muss gegenseitiges Verständnis dafür haben und wissen, dass man immer fragen kann, es aber für den anderen nicht automatisch ein Muss ist. Es darf und soll auch gesagt werden: An den Tagen kann ich aber nicht.“ Das ist Jana Ulrich wichtig. 

Ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Ältere Menschen werden bzw. bleiben Teil der Gesellschaft, finden Familienanschluss, fühlen sich gebraucht. Und die Jungen profitieren von der Lebenserfahrung der Ersatzgroßeltern und lernen so die Welt aus einem ganz neuen Blickwinkel kennen. Und das Beste: es gibt einen Mensch mehr im Leben, den man liebhaben kann, oder auch gleich vier.

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