erziehung : Hauptsache, alles in Ordnung?

Altersgemäße Regeln können den Streit um das Aufräumen eindämmen.
Altersgemäße Regeln können den Streit um das Aufräumen eindämmen.

Eltern streiten mit ihren pubertierenden Kindern häufig über das Aufräumen. Altersgemäße Regeln können helfen.

svz.de von
22. Juli 2015, 23:55 Uhr

Silvia liegt ständig im Clinch mit ihrer 16-Jährigen. „In Miriams Zimmer sieht es immer wieder aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, klagt die 43-Jährige, die in Wahrheit anders heißt, ebenso wie ihre Tochter. An Saubermachen sei gar nicht mehr zu denken. „Und wenn ich sie bitte, ihre Sachen im Schrank zu verstauen, stopft sie ihre Klamotten einfach in die ohnehin schon vollen Fächer.“ Die genervte Mutter schwankt zwischen dem Bemühen, Miriam buchstäblich ihren eigenen Raum zu lassen, und andererseits ihrem Ärger über das „furchtbare Durcheinander“, vor dem sie „einfach nicht die Augen verschließen“ kann – auch nicht dadurch, dass sie das Zimmer ihrer Tochter meidet und möglichst nicht mehr hineinschaut. Sie müsse den Raum doch „wenigstens ab und zu mal lüften“.

Streit ums Aufräumen im Kinder- und Jugendzimmer oder auch im Bad gehört zu den klassischen Konflikten in Familien. Vor allem Jugendliche in ihrem notwendigen Bemühen, sich von den Eltern abzugrenzen, wollen sich nicht mehr vorschreiben lassen, wie es in ihrem Zimmer auszusehen hat, und kontern treffsicher: „Du mit deiner spießigen Ordnung!“ Beide Seiten verrammeln sich in ihrem Schützengraben und feuern Angriffs- und Abwehrgeschosse in die gegnerischen Linien.

Häufig aber ist den Beteiligten gar nicht klar, worum genau sie kämpfen. Erstens wäre nämlich zu klären, was beide Seiten mit Ordnung eigentlich meinen und warum die Älteren sie für so wichtig halten. Der nächste Schritt wäre, auf dieser Basis eine überschaubare Zahl altersgemäßer Regeln aufzustellen. Eine penible Ordnung werden Jugendliche höchst selten erreichen können – und schon gar nicht wollen. Kleinkinder wiederum sind noch gar nicht imstande, ihre wild verstreuten Spielsachen aufzuräumen; ihnen müssen Erwachsene dabei helfen, nicht im Chaos zu versinken. Nicht selten tragen die Eltern zum beklagten Wirrwarr noch bei: Wer nämlich jüngere Kinder mit Spielzeug überfrachtet oder von Verwandten überschütten lässt, überfordert die Kleinen.

Grundsätzlich müssen Kinder allmählich lernen, selbst eine Ordnung der Dinge zu entwickeln, die ihr Leben erleichtert, weil sie Überblick schafft und schnellen Zugriff gestattet. Manchmal geht das nicht anders als über konstruktives Scheitern, indem die Kinder im eigenen Zimmer auch mal ein Durcheinander produzieren dürfen, das ihnen selbst allmählich auf den Keks geht, weil es lustvolles Spielen erschwert: Wer den Schwarzen gegen den Roten Ritter antreten lassen will, muss die beiden Haudegen schließlich auch finden können.

Wird beim Suchen ein Lieblingsspielzeug zertreten, weil es verborgen unter einem Pullover am Boden lag, sei’s drum: Manchmal hilft auf dem Weg zur Erkenntnis nur die schmerzliche Härte eines Verlusts, der nur dann eine Lehre sein kann, wenn die Eltern das Verlorene nicht ersetzen – oder wenigstens nicht gleich.

In solchen Momenten kann man als Erwachsener gut erklären, dass es Zeit spart und Hektik vermeidet, wenn Dinge ihren festen Platz haben. Das schont auch den Geldbeutel. Ein älteres Kind wird das noch eher verinnerlichen, wenn es sein eigenes Taschengeld für einen Neukauf einsetzen muss. Die passende Familien-Maxime könnte lauten: Jeder ersetzt das, was durch selbstverschuldete Unordnung zu Bruch oder verloren geht – selbstverständlich jeder nach seinen finanziellen Kräften.

Ein paar Regeln braucht eben jede menschliche Gemeinschaft, auch eine Familie. „Welche das sind, hängt ganz von der Lebenseinstellung, den Wertvorstellungen und den Erfahrungen der Eltern ab“, urteilt der dänische Familientherapeut Jesper Juul in einem Buch über die oft schwierige Phase der Pubertät. Deshalb helfe auch kein allgemeinverbindlicher Regelkatalog.

Zähes Ringen bleibt Eltern und Jugendlichen also beim Thema Ordnung nicht völlig erspart. Dabei müssten beide Seiten sich im Klaren darüber sein, „dass es hier um Normen geht, nicht etwa um moralische Grundsätze“, sagt die Psychologie-Professorin Elke Wild von der Universität Bielefeld. Normen aber unterlägen einem gesellschaftlichen Wandel und könnten daher von „jeder Generation anders gesehen“ werden.

Deshalb bringe es auch wenig, sich im Streit über Ordnungsvorstellungen auf andere Erwachsene oder Jugendliche zu berufen. Wild rät stattdessen dazu, beim Argumentieren eher an den Konsequenzen für sich selbst und die Familie anzusetzen. Während in gemeinschaflich genutzten Räumen strengere Maßstäbe gelten, können die Eltern im Kinderzimmer eher ein Auge zudrücken – und im Jugendzimmer empfiehlt sich das sogar dringend.

Denn grundsätzlich sollten Jugendliche in ihrem Zimmer ungestört ihre eigene Ordnung entwickeln können, jedenfalls „solange das Chaos im Zimmer nicht gesundheitsgefährdende Ausmaße annimmt“, merkt Wild mit einem Augenzwinkern an. Selbstverständlich dürfen sich auch in der Bude eines Pubertierenden keine verschimmelnden Abfälle oder dreckige Wäsche ansammeln, die Schulsachen und andere wichtige Unterlagen müssen auffindbar sein, und der Raum muss sich säubern lassen, und zwar zunehmend vom Bewohner selbst.

Übrigens kann man von Kindern schwerlich Ordnungsliebe erwarten, wenn man selber nicht aufräumt. Hier vorbildlich voranzugehen, ist das Mindeste, was Eltern leisten müssen. Wessen Kellerwerkstatt im Chaos versinkt oder wer in Küchenschubladen ein rekordverdächtiges Chaos aus Messern, Korkenziehern, Batterien und Nähzeug unterhält, der täte gut daran, erst einmal die eigenen Haushaltsaufgaben zu machen, bevor er welche an Tochter oder Sohn vergibt. Das nämlich wäre buchstäblich nicht in Ordnung.

Autor: Walter Schmidt

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