Osteopathie für Kinder : Hände ohne Heilkraft

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Osteopathie für Kinder liegt im Trend. Dabei ist die Methode wissenschaftlich fragwürdig.

svz.de von
26. September 2015, 08:00 Uhr

Sie wollten es einfach mal probieren. Weil ihre Tochter Mia* so unruhig war, brachten ihre Eltern sie ein paar Wochen nach der Geburt zu einer Osteopathin. Die legte dem Säugling die Hände auf den Kopf – durch die sogenannte Kraniosakral-Therapie sollte die Kleine die Geburt noch einmal durchleben und so ruhiger werden.

Osteopathie liegt im Trend: Sie ist zwar kein anerkannter Beruf und es gibt keine exakten Zahlen, aber „seit den 90er Jahren ist sie immer beliebter geworden. Bundesweit gehen wir von über 7000 Osteopathen aus“, sagt Jakob Setzwein, Vorstand und Geschäftsführer des Bundesverbands Osteopathie. Die manuelle Heilmethode boomt auch bei Eltern: Immer mehr gehen mit ihrem Nachwuchs zum Osteopathen – in der Hoffnung, ein Problem zu beheben oder aus Angst, eines zu übersehen. Denn angeblich können die Alternativmediziner vieles kurieren: Geburtstraumen und Sprachstörungen, Kopfasymmetrien und Geschrei, Verdauungsstörungen und Hüftprobleme.

Aber was ist dran an den heilenden Händen? Schulmediziner sagen: nicht viel. Die Osteopathie sei ein Behandlungskonzept, das sich „teilweise auf nicht begründbare Vorstellungen stützt“, heißt es etwa in einer Stellungnahme des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Ein wissenschaftlicher Wirkungsnachweis insbesondere bei Kindern sei „bisher nicht ausreichend erbracht“.

Die Bundesärztekammer betont, dass „einigermaßen zuverlässige Aussagen zur Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen nur bei wenigen Erkrankungsbildern vorliegen“, wobei sie insbesondere die Kraniosakraltherapie für spekulativ hält. Tatsächlich gehen Mediziner gerade mit dieser bei Babys gern angewandten Methode hart ins Gericht. So kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Neuropädiatrie (Kinderneurologie) fehlende kontrollierte Studien, dass die Therapie auf der Annahme eines nicht bewiesenen Systems beruht, sowie „völlig unakzeptable Vorstellungen“ bezüglich ihrer Wirkung. Die eindeutige Empfehlung: „Der Einsatz zur Behandlung spezieller Entwicklungs- und Lernstörungen ist abzulehnen.“

Nicht besser weg kommt das sogenannte Kiss-Syndrom (Kopfgelenk-induzierte-Symmetrie-Störung), das eine angebliche Fehlstellung der Halswirbelsäule bei Kindern bezeichnet: Ärzte halten es schlicht für eine Erfindung. „Ein Kiss-Syndrom gibt es nicht“, sagt etwa Prof. Dr. Ralf Stücker. Und er betont: „Derzeit gibt es keine Evidenz basierten Daten, die die Wirksamkeit von Osteopathie belegen.“

Dennoch ist die osteopathische Anziehungskraft groß – was der Kinderarzt Dethleff Banthien mit Sorge beobachtet. „Osteopathie ist definitiv ein Trend. Dabei werden irrelevante Diagnosen gestellt, den Eltern Ängste eingeredet und ihr Blick auf Unwesentliches gelenkt.“ So erlebe er es in letzter Zeit häufiger, dass „osteopathische Diagnostik für jegliche Störung angeboten wird“. Dadurch würden wahre Probleme wie Bindungsstörungen verkannt. „Das kann einfach nicht sein!“ Außerdem beunruhigt ihn die Pathologisierung der Kinder. „Ich habe noch nicht erlebt, dass ein Osteopath mal gesagt hätte: ‚Mit Ihrem Kind ist alles in Ordnung‘.“

Stattdessen würden Entwicklungsprognosen „bis ins Jugend- und Erwachsenenalter“ abgegeben, was unseriös sei und Eltern verunsichere. „In meinen Augen ist das Misshandlung von Eltern und Kind.“

Viele Eltern sehen das freilich anders. Mias Unruhe sei „relativ zügig besser geworden“, berichten ihre Eltern. Für die vermeintlichen Erfolge vermutet Dethleff Banthien zwei Gründe: Einerseits Spontanheilungen, die nach einer Behandlung auftreten, aber nichts mit ihr zu tun haben. So hört fast jedes Schreikind irgendwann mit der Brüllerei auf. Dass der drei Wochen zurückliegende Besuch beim Osteopathen das bewirkt hat, glauben Eltern dann oft zu gerne. Zudem greife der mächtige – auch bei Kleinkindern wirksame – Placebo-Effekt. Dies zusammen, so Banthien, addiere sich zu einer „gefühlten Wirksamkeit“.

*Name geändert

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