zur Navigation springen
Eltern und Kind

25. November 2017 | 12:37 Uhr

Ernährung : Familienkost statt Brei

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Trend erreicht die Esstische: Beim „Baby led weaning“ isst das Kind statt Püriertem schon früh bei seinen Eltern mit.

Svea Dinkun hatte alles versucht – ihr Sohn Norik wollte einfach keinen Brei essen. „Es war ein Kampf hoch zehn, etwas in ihn reinzubekommen. Und wenn man es geschafft hat, hat er es gleich wieder rausgeschoben“, berichtet die 26-Jährige. Dabei hatte Noriks Kinderarzt gesagt, der Junge müsse ab vier Monaten unbedingt Beikost bekommen. Doch der sah das offensichtlich anders – bis Svea Dinkun auf das Buch „Baby-Led Weaning“ der Britin Gill Rapley stieß.

Baby led weaning (BLW; übersetzt etwa „vom Baby geführtes Zufüttern“) bedeutet, dass das Kind, statt seine Extramahlzeit Brei zu bekommen, mit den Eltern am Tisch isst, sobald es Interesse daran zeigt. Sein Essen wird nicht püriert, sondern dem Kind in kleinen Stücken angeboten, die es selbst greift. Es isst also eigenständig, erforscht das Essen, entscheidet, was es in den Mund steckt. Zusätzlich wird es noch so lange weiter gestillt wie nötig.

Neu ist das im Grunde nicht: Viele Eltern gehen intuitiv so vor, wenn ihr Sprössling Brei verweigert. „Baby led weaning hat es immer schon gegeben“, sagt auch die Hebamme Angela Schönfeldt. „Aber jetzt hat es erstmals einen Namen und eine wissenschaftliche Grundlage.“

Für sie ist der Trend eine gute Alternative zu den herkömmlichen Empfehlungen. „Viele Eltern stressen sich damit, dass Babys ab einem bestimmten Alter unbedingt Brei haben müssen und sind dann frustriert, wenn es nicht klappt. Aber Essen soll doch Spaß machen!“ Bei BLW beginne das Baby erst Beikost zu essen, wenn es bereit dazu sei. „Brei bekommt man dagegen immer ins Kind gelöffelt – auch wenn es eigentlich noch zu früh dafür ist“, sagt Angela Schönfeldt.

Für sie hat BLW noch einen weiteren guten Effekt: Längeres Stillen. „Je früher Beikost eingeführt wird, desto kürzer stillen die Mütter.“ Ein Umstand, den die Stillbeauftragte des Landeshebammenverbands bedauert. „Stillen ist gut fürs Kind. Wenn Mütter sich mit Baby led weaning gestatten würden, dass Stillen auch noch länger sein darf, wäre das doch schön.“

Aber gerade hier setzt auch Kritik an: Das anerkannte Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) etwa befürchtet, dass das Kind ganz ohne Brei noch lange Zeit zu wenig Beikost isst, um genügend Nährstoffe wie Eisen, Vitamin B6 oder Kalzium aufzunehmen.

Zudem seien einige nährstoffreiche Lebensmittel für Fingerfood schlecht geeignet. „Bei strenger Anwendung des Baby led weaning kann ein Energie- und Nährstoffmangel derzeit nicht sicher ausgeschlossen werden“, heißt es in einer Stellungnahme. Dennoch könnten BLW und die Beikost nach dem üblichen Ernährungsplan einander ergänzen, so das Institut.

Angela Schönfeldt sieht dagegen keine Probleme: „Meistens geht es schnell, dass die Kinder größere Mengen mitessen. Und Untersuchungen haben keine Nährstoffmängel ergeben.“ Sie betont aber auch, dass BLW nur eine Möglichkeit sei. „Jeder muss schauen, was für sein Kind passt.“ Die meisten Eltern begegneten der neuen Methode aufgeschlossen, viele von ihnen praktizierten eine Mischform.

Anders als Svea Dinkun: Statt weiterhin aufwendig – und vergebens – extra für ihren Sohn zu kochen, ließ sie den sechs Monate alten Jungen fortan am Familienessen teilnehmen. „Er hat dann sehr schnell eine gute Menge gegessen und sich auch nicht verschluckt“, berichtet sie. Irgendwann habe sie es trotzdem nochmal mit Brei versucht. „Aber er wollte definitiv nicht gefüttert werden.“

www.baby-led-weaning.de

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen