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Eltern und Kind

12. Dezember 2017 | 13:28 Uhr

Auszug : Eltern allein zu Haus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ziehen Kinder aus, kann das tiefe Traurigkeit auslösen. Wissenschaftler beschreiben das als Empty-Nest-Syndrom. Was dagegen hilft

Es gibt Phasen, da fiebern Eltern auf diesen Moment hin: Wenn das Kind doch schon groß wäre und selbstständig. Irgendwann wird es Realität: Das Studium oder die Ausbildung beginnen, und das Kind zieht weg in eine andere Stadt. Durch diesen Schritt werden viele Eltern aber plötzlich mit widersprüchlichen Gefühlen konfrontiert. Statt Erleichterung und Freiheitsgefühl empfinden sie Trauer, Sehnsucht und Verlustängste.

In der Fachsprache heißt die Trauer über das Flüggewerden der Kinder Empty-Nest-Syndrom, der Schmerz über das verlassene Nest. „Wenn die Kinder ausziehen, ist das ein bisschen wie in Rente geschickt werden“, erklärt Bettina Teubert. Die ausgebildete Familientherapeutin hat vor ein paar Jahren eine Selbsthilfegruppe für Frauen gegründet, die der Auszug ihrer Kinder hart getroffen hat. Teubert ging es ähnlich, als ihre Tochter vor sieben Jahren auszog, etwas später dann auch ihr Sohn.

Wenn vom Empty-Nest-Syndrom die Rede ist, geht es fast immer um Mütter. Doch was ist mit den Vätern? „Bei Männern kommt dieser Einschnitt meist später, nach dem ersten Tag als Rentner“, fasst Diplom-Psychologin Felicitas Heyne das Phänomen zusammen.

„Je mehr Raum mein Kind für mich einnimmt, umso größer ist später der Bruch“, sagt Bettina Fromm, ebenfalls Psychologin. Naturgemäß trifft es Mütter härter, wenn sie mehr Zeit mit den Kindern verbracht haben.

Doch auch für Paare bedeutet ein kinderloses Haus Veränderungen. Wo Frau und Mann lange Zeit eine Elternallianz bildeten, sind sie auf einmal wieder aufeinander zurückgeworfen, oder wie Teubert sagt: „Man ist nur wieder Paar.“ Auch hier gilt es also, sich neu zu sortieren. Damit das gelingt, sind mehrere Schritte nötig: Als Erstes geht es dem ehemaligen Kinderzimmer an den Kragen. „Ich empfehle sehr, das neu zu gestalten“, sagt Fromm. Und auch Teubert machte die Erfahrung: „Diesen Raum zu erobern, hat etwas Symbolisches.“ Denn es macht einem klar: Ein Lebensabschnitt geht zu Ende, und ich mache Platz für etwas Neues.

Dann wird es Zeit, einerseits Bilanz zu ziehen, andererseits nach vorne zu gucken und zu überlegen: Wie gestalte ich mein eigenes Leben? Wer bin ich noch, wenn ich als Mutter nicht mehr gebraucht werde? Heyne rät, in die Zeit vor den Kindern zurückzuschauen: Was hat einem da Spaß gemacht, bei was hat man sich gut gefühlt? Für den einen bedeutet das, sich endlich auf den Jakobsweg zu begeben, andere fangen eine neue Sportart an.

Felicitas Heyne hat noch einen Tipp für Elternpaare, die sich nach dem Auszug der Kinder nicht beim Scheidungsanwalt treffen wollen. Um ihn in die Praxis umzusetzen, müssen Pärchen aber lange Zeit vor dem Ausziehen damit anfangen. „Paare müssen sich Freiräume schaffen und ohne die Kinder weggehen – das geht auch schon mit einem sechs Monate alten Baby.“ Das sei bei fast allen möglich, wenn Verwandte oder der Babysitter das Kind für einen Abend übernehmen. Und es stärkt die Verbindung von Mann und Frau – ohne dass sie die Vater- oder Mutterrolle einnehmen.

Bettina Teubert hat sich heute gut mit ihrer Situation arrangiert. Sie genießt es, Dinge jetzt ganz konsequent und ohne Rücksicht auf andere machen zu können. Zum Beispiel ihre Yogamatte auszubreiten.

Auch in Gesprächen mit anderen Empty-Nest-Müttern ermuntert sie immer dazu, sich sein eigenes Ding zu suchen. „Das beste Zeichen, dass die Trauer überstanden ist, ist, wenn das Kind anruft und die Mutter sagen kann: ,Da habe ich leider kein Zeit.’“

Autorin: Julia Kirchner

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