Buch zum Einschlafen : Du bist müde. Jetzt!

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Ein Buch soll Kinder zum Einschlafen bringen. Die Frage ist nicht nur: Funktioniert das? Sondern auch: Was soll das?

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23. Januar 2016, 16:00 Uhr

Das Versprechen ist revolutionär: Ein Kind, das als Gute-Nacht-Geschichte „Das kleine Kaninchen, das so gerne einschlafen möchte“ hört, sinkt alsbald in tiefen Schlummer.

Ende vergangenen Jahres sorgte das Bilderbuch mit dem Untertitel „Die ideale Einschlafhilfe für Ihr Kind“ des Schweden Carl-Johan Forssén Ehrlin für Aufsehen: Durch im Text angewandte Techniken des neurolinguistischen Programmierens (das wissenschaftlich übrigens unbewiesen ist) und des autogenen Trainings soll sich das Kind während des Zuhörens so sehr entspannen, dass es hinübergleitet ins Reich der Träume.

Tatsächlich verkaufte sich das Buch beim Internethändler Amazon hervorragend. Aber: Funktioniert es wirklich, oder sind die Käufer bloß neugierig? Die Kundenrezensionen reichen von „Es wirkt!“ bis „Meine Tochter findet es unangenehm bis gruselig“.

Und wie findet es meine Tochter? Sie ist vier und hat keine Probleme mit dem Einschlafen. Aber ein bisschen dauert es schon, und: Sie schläft NIE während des Vorlesens ein. Nie. Aber genau das soll ja angeblich mit Hilfe dieses Wunderbuches passieren. Ich bin also gespannt, als ich mit der Lektüre auf den Knien abends in ihrem Bett sitze. Zunächst gibt es Handlungsanweisungen für den Vorleser: Kursiv gedruckten Text soll man mit langsamer, leiser Stimme lesen, fett gedruckten besonders betonen, den Namen Konrad gähnend und langgezogen sprechen, und auch zwischendurch wird man immer wieder aufgefordert zu gähnen. Das klingt dann so: „,Das war gut’, sagt Kooon[gähn]raaad[gähn] und fühlt nun, wie müde er geworden ist. Unglaublich müde. Jetzt. So müde, dass du schon fast einschläfst[Gähnen]. Es ist so schön und ruhig, wie in dem Augenblick kurz vor dem Einschlafen. Jetzt.“

Kein Witz. So geht es die ganze Zeit. Ich lese also laaangsam oder deutlich oder [gähnend], arbeite mich durch das Buch und komme mir komplett bescheuert vor. Ich habe das Gefühl, meine Tochter zu veräppeln und frage mich, ob sie etwas merkt; aber sie lauscht vertrauensselig und still.

Mein Problem mit dem Buch ist, dass es nicht um der Geschichte willen geschrieben wurde, ja, dass es nicht einmal versucht, spannend zu sein. Stattdessen will es bloß einen Zweck erfüllen. Allein das Wort „jetzt“, das im Kind offensichtlich einen Schlafreflex auslösen soll, macht mich wahnsinnig: 71 Mal kommt es auf 22 Seiten (die Hälfte davon Bilder) vor. 71 Mal!

Es ist ja so: Kinderbücher haben in der Regel eine Botschaft. Du sollst ehrlich sein! Mit Freunden macht es mehr Spaß als allein! Du musst dich trauen! In einigen Büchern passiert das wie von selbst, weil es um die Geschichte geht. Das Kind hat die Wahl, ob es nur sie will oder auch die Botschaft darin.

In anderen Büchern ist die Absicht offensichtlich: Das Kind zu fördern, es etwas zu lehren, ihm eine Moral aufzuzeigen. Bei ihnen bleibt oft ein ungutes Gefühl, weil sie das Kind formen wollen statt einfach nur zu packen, zu begeistern, zu erstaunen. In dieser Hinsicht ist „Das kleine Kaninchen...“ der Gipfel der Manipulation. Aber ob die funktioniert, würde ich jetzt schon ganz gern wissen. Nach einem Drittel des Buches beginnt meine Tochter, sich inbrünstig die Augen zu reiben. Sie wird doch nicht...?

Ich bin heilfroh, als die Geschichte zu Ende ist. Ich schaue zu meiner Tochter. Sie guckt zurück. „Bist du müde?“ „Ja.“ Wenn sie jetzt innerhalb von ein paar Minuten einschläft, wirkt es tatsächlich, denke ich. Ich sage Gute Nacht und gehe raus.

Sie rumort. Ich linse durch den Türspalt. Da ist sie doch tatsächlich aufgestanden, um ein Weihnachtsbild von der Wand zu nehmen! Kurz darauf ihre Stimme: „Mamaaa! Ich pack das Bild auf den Boden, das brauch ich doch gar nicht mehr!“ Ein paar Minuten danach höre ich wieder etwas: Sie singt. Als ich nachsehe, gnibbelt sie an ihren Füßen herum.

Etwas später heult sie urplötzlich los: „Aaah! Ich bin ein Monster! Ich will euch fressen!“ Dann ist es eine Weile still. Sie muss eingeschlafen sein, denke ich. Doch gerade als ich nachsehen will, höre ich ihre Stimme: „Mama, ich kann nicht schlafen!“

Ich muss lachen. Aber im Grunde ist es mir auch ganz egal, ob ihr das Buch beim Einschlafen hilft oder nicht. Ein Buch, das keinen Spaß bringt, ist in meinen Augen sinnlos.

Carl-Johan Forssén Ehrlin:

Das kleine Kaninchen, das so gerne einschlafen möchte.
Mosaik 2015, 12,99 Euro, ISBN 978-3442393039

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