Familie : Diskutieren statt strafen

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Was Erziehung heute so anstrengend macht.

svz.de von
14. Mai 2017, 08:40 Uhr

„Mama, darf ich Naschi?“
„Nein, du hattest schon Kuchen.“
„Mama, darf ich ein Eis?“
„Nein, denn du hattest ja schon...“
„Wäääääh!!!“

Erziehung ist anstrengend. Wohl jede Mutter und jeder Vater würden das unterschreiben. Seltsam aber, dass die heutigen Großeltern gern erzählen, früher sei das anders gewesen. Gar nicht so anstrengend. Es lief einfach.

„Erziehung ist komplexer geworden“, sagt Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Tanja Pütz. Aber warum?

Ein wichtiger Grund sei der Wechsel des Erziehungsstils vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt, so Tanja Pütz. „Früher hatten Kinder zu gehorchen, heute werden sie in viele – und sei es noch so kleine Entscheidungen – mit eingebunden.“ Bedeutet: Was früher vorausgesetzt wurde, wird heute diskutiert. Ob es um Hilfe im Haushalt geht, die Wochenend-Gestaltung oder passende Klamotten für den Tag – Kinder bestimmen mit. Fehlverhalten wird besprochen statt bestraft, Regeln sind verhandelbar.

„Das ist anstrengend, aber auch eine große Chance, weil wir viel mehr miteinander ins Gespräch kommen müssen. Außerdem festigt es das emotionale Band zwischen Eltern und Kind“, sagt Tanja Pütz.

Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass das Verhältnis von Eltern und Kindern noch nie so gut war. Mama und Papa sind für ihren Nachwuchs eher Vertrauens- statt Respektspersonen und beschäftigen sich auch intensiver mit ihnen.

Doch sie sind auch nicht mehr so unbeschwert. „Es liegt ein wahnsinniger Druck auf der Erziehung“, so Tanja Pütz. Nicht weniger als ihre Kinder liebevoll auf die Leistungsgesellschaft vorbereiten und ihnen einen optimalen Start verschaffen sollen Eltern heute.

Hinzu kommt mehr Stress. „Der Zeitfaktor in Familien hat sich verändert“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin. Meistens sind beide Elternteile berufstätig, es gibt viele Alleinerziehende, veränderte Familienmodelle und meist zahlreiche Hobbys und Verabredungen der Kinder. „Viele Fragen, die heute alltäglich sind, haben sich Eltern früher gar nicht gestellt“, sagt Tanja Pütz. Wie lange kann ich arbeiten, bevor die Kita schließt? Wer holt heute das Kind ab? Wer betreut es, wenn es krank ist? Viel Logistik, viele Absprachen, viel Hetze.

Durch die zunehmende Institutionalisierung der Kindheit ergibt sich zudem eine weitere Veränderung: „Erziehungsfragen werden nicht mehr nur allein im Elternhaus verhandelt, sondern man ist mit mehr Experten im Dialog“, so die Wissenschaftlerin.

„Es ist zwar schön, bei Fragen und Nöten eine Einschätzung zu hören, aber es erleichtert nicht nur. Das Bild vom Kind wird dadurch auch irritiert.“ Das Kind hat gebissen, ist schüchtern, oder ob schon aufgefallen sei, dass es manchmal so rote Flecken im Gesicht bekomme? Lehrer und Erzieher liefern nützliche Informationen, aber eben auch viele Informationen über das Kind.

Und Eltern glauben oftmals, sie bräuchten nur ausreichend Informationen, um ihren Sprössling perfekt zu erziehen. „Eltern hören immer weniger auf ihr Bauchgefühl“, so Tanja Pütz.

„Alle möglichen Faktoren wie sich widersprechende Erziehungsratgeber grätschen ihnen rein. Sie suchen nach Rezepten, wie sie jedes noch so kleine Problem lösen. So geht die Leichtigkeit verloren.“

Und nun? Es helfe schon, wenn Eltern „ihre Rolle reflektieren“, so Tanja Pütz. Und sie sollten ja nicht weg von einer Kultur der Verhandlung, aber „nur in dem Maße, in dem diese verantwortet werden kann.“ Außerdem sei Entschleunigung häufig der bessere Weg – also vielleicht nicht mehr drei Nachmittagskurse pro Kind.

Und dann ist da noch eine Sache: Vielleicht ist die Sicht der Großeltern auf früher auch ein kleines bisschen verklärt. „Anstrengung ist ein subjektives Empfinden“, sagt Tanja Pütz. „Wenn man älter wird, neigt man dazu, die Vergangenheit zu idealisieren.“

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