Familie : Die neuen Väter sind noch selten

Mehr Zeit für die Familie – das ist der Wunsch vieler berufstätiger Männer.
Mehr Zeit für die Familie – das ist der Wunsch vieler berufstätiger Männer.

Sie wollen sich heute intensiver um ihren Nachwuchs kümmern. Wunsch und Realität klaffen allerdings oft auseinander.

svz.de von
27. August 2016, 12:00 Uhr

Sie arbeiten Teilzeit, erziehen zusammen mit ihren Partnerinnen die Kinder und kümmern sich gleichermaßen um den Haushalt. So sieht das Idealbild der neuen Väter aus. In der Realität gelingt das Modell, in dem Väter und Mütter gleichberechtigte Partner sind, jedoch nur selten. Denn die Väter von heute, sagt die Soziologin Claudia Zerle-Elsäßer vom Deutschen Jugendinstitut, stecken in einem Vereinbarkeitsdilemma.

Zerle-Elsäßer hat untersucht, wie stark Väter heute an der Erziehung beteiligt sind und wieviel Zeit sie aktiv mit ihren Kindern verbringen. Oftmals klafften dabei Wunsch und berufliche Realität auseinander, sagt die Soziologin. Denn immer noch sind Männer diejenigen, die meist besser verdienen und im traditionellen Sinn die Familien ernähren. „Die meisten Väter arbeiten Vollzeit“, sagt Zerle-Elsäßer. Und dann bleibt es oft nicht bei einer 40-Stunden-Woche, Überstunden gehören dazu - sehr zum Leidwesen vieler Väter.

Die klassische Rollenverteilung existiert nach wie vor: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes arbeiteten 2015 lediglich rund sechs Prozent der Väter in Teilzeit, bei den erwerbstätigen Müttern waren es 73 Prozent. Je älter die Kinder werden, desto weniger Väter wählen demzufolge ein Teilzeitmodell. Ein Großteil der Frauen reduziert jedoch weiterhin ihre Arbeitszeit, auch wenn die Kinder schon zwischen 15 und 17 Jahre alt sind. „Trotz aller Gleichheitsrhetorik haben sich in den vergangenen Jahrzehnten die Arbeitszeiten zwischen Müttern und Vätern weiter polarisiert“, bilanziert die Familiensoziologin Karin Jurczyk im aktuellen Bulletin des Deutschen Jugendinstituts.

Wie sehr Wunsch und Realität auseinanderfallen, beobachtet auch der Dortmunder Geschlechtersoziologe Michael Meuser in einem Interview des Jugendinstituts-Magazin „Impulse“: Viele Väter wollen nach seiner Einschätzung zwar die traditionellen Rollenbilder aufbrechen, nach der Geburt des ersten Kindes fallen sie aber in tradierte Rollenmuster zurück. Wie schon bei den Eltern und Großeltern verdienen dann die Männer das Geld, die Frauen kümmern sich um die Kinder. Meuser erklärt sich das mit Erwartungen aus dem Lebensumfeld, aber auch damit, dass die Paare in Jahrhunderte alten Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit verhaftet sind.

Das Elterngeld, das seit 2007 einkommensabhängig für zwölf beziehungsweise 14 Monate gezahlt wird, bewertet Zerle-Elsäßer als Schritt in die richtige Richtung. „30 Prozent der Väter nehmen die Elternzeit“, sagt sie. „Die Kehrseite ist, dass die meisten nur zwei Monate nehmen, weil die sonst wegfallen.“ Das „ElterngeldPlus“, das Eltern in Teilzeitarbeit seit 2015 beantragen können, hält die Soziologin deshalb für einen richtigen Schritt in Richtung eines Familienarbeitszeitmodells. Sie hofft, dass dadurch das Muster durchbrochen wird, nach dem ein Partner in Vollzeit und der andere wenig in Teilzeit arbeitet.

Denn in einem ist sich Zerle-Elsäßer sicher: „Obwohl Väter immer noch viel Zeit am Arbeitsplatz verbringen, hat sich das gesellschaftliche Bild vom 'guten Vater' in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert.“ Die Kindererziehung liegt nicht mehr ausschließlich bei den Müttern. „Väter wollen sich heute verstärkt in die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder einbringen.“ Das sieht auch der Soziologe Meuser so, allerdings braucht das Zeit. „Der neue Vater entpuppt sich erst“, formuliert es Meuser.

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