Kindergeburtstage : Die Kreativität nach strengem Schema

Der Kindergeburtstag endet im Chaos und mit einer Tortenschlacht: Dieter (Uwe Ochsenknecht) und Esther (Valerie Niehaus).
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Der Kindergeburtstag endet im Chaos und mit einer Tortenschlacht: Dieter (Uwe Ochsenknecht) und Esther (Valerie Niehaus).

Kindergeburtstage sind mittlerweile oft durchgeplante Themenpartys, die Eltern über eine Agentur buchen können.

svz.de von
24. Juni 2016, 21:00 Uhr

Welche Prinzessin soll es bloß sein? Die Eisprinzessin in kühlem Blau, die Meerjungfrau-Prinzessin mit Flosse oder Rapunzel mit ihrem wallenden Haar? Eltern haben die Qual der Wahl. Oder aber deren vermutlich Glitzer-vernarrte kleine Tochter, welche die Auswahl treffen soll. Wer soll als leibhaftige Prinzessin zum Kindergeburtstag vorbeikommen und die Horde mit allerlei Krönchen und Spielen bespaßen? Für 99 Euro können Mama und Papa einen 30-minütigen Besuch von Aschenputtel & Co buchen.

Legen sie noch 600 Euro drauf, erhalten sie das 3,5 Stunden-Rundum-Sorglos-Paket mit „Wie werde ich Prinzessin“-Training, Autogrammkarten des Charakters für alle Kinder und „aufwendigem Beautyprogramm für alle kleinen Prinzessinnen“. Dieses und andere Spektakel bietet die Hamburger Agentur „Deine Prinzessin“, die bei Weitem kein Exot ist. Das Geschäft mit professioneller Organisation von Kindergeburtstagen boomt. Eventmanager, die von der Einladung über den Kuchen bis zum Programmablauf den Kindergeburtstag komplett organisieren, gibt es mittlerweile in jeder größeren Stadt. Ob Prinzessin, Bob der Baumeister oder Star Wars – kein Motto, das es nicht gibt. Die passenden Servietten, Aufkleber und Plastikteller gibt es gleich dazu, damit alles von vorn bis hinten einer Linie folgt.

Was ist bloß aus Topfschlagen, Sackhüpfen und der guten alten Reise nach Jerusalem geworden? Das finden Kinder heute angeblich öde. Sie seien anspruchsvoller geworden, behaupten diejenigen, die ihre Events verkaufen wollen und jene Mütter und Väter, die auf den Zug aufspringen. Aber wollen wirklich die Kinder das ganze Tamtam? Oder sind es vielmehr ihre Eltern, die sich einerseits neben Arbeit und Haushalt nach Entlastung sehnen, andererseits für ihren Nachwuchs immer nur das Beste wollen?

Keine Frage, unsere Gesellschaft und die traditionelle Rollenverteilung in der Familie hat sich verändert. Meist arbeiten beide Elternteile, die Kinder werden tagsüber in der Kita betreut und abends freut man sich, wenn man nach dem Haushalt auch noch einen Moment Zeit findet, um sich mal einen Moment in trauter Zweisamkeit zu unterhalten, bevor man hundemüde ins Bett fällt. aber rechtfertigt das wirklich diesen neuen Kindergeburtstags-Hype – immer aufwendiger, immer teurer, immer durchgeplanter?

Traurig, dass letztlich die Kleinen darunter leiden. Ihnen wird der Eindruck vermittelt, dass sie ohne Hilfe keinen Spaß haben können. Die Kreativität des Spiels bleibt auf der Strecke, wenn alles nach strengem Schema vorgegeben wird.

Und es entsteht ein furchtbarer Wettbewerb der Kindergeburtstage, der Neid und Missgunst hervorruft. Und womöglich noch dazu führt, dass Kinder aus finanziell schwächeren Familien ausgegrenzt werden, weil keine Cinderella auf ihrer Feier den Glitzerstaub rieseln lässt, sondern eben nur eine Schatzsuche auf dem Programm steht, die sich Papa und Opa ausgedacht haben.

Die Schatzsuche ist tot? Es lebe die Schatzsuche!

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