Erziehung : Die Konkurrenz der Eltern

fotolia_42605134_subscription_l

Das klügste Kind, der gesündeste Brei, der schönste Babybauch – manchmal wird das Elterndasein zum Wettbewerb.

von
16. Januar 2016, 16:00 Uhr

Doreen* ist verunsichert. Beim Rückbildungskurs mit Babys dreht sich die kleine Leila* schon vom Rücken auf den Bauch – während ihr gleichaltriger Enno* zufrieden, aber ohne ein Beinchen zu rühren auf der Decke liegt. „Warum kann Leila das, und Enno noch nicht?“ fragt sie. „Ist das normal?“ Leilas Mutter schaut sie mit großen Augen an: „Ja, übt ihr denn nicht?“

Margret Salzmann (61) wundert sich nicht, als sie von dieser Szene hört. „Der Konkurrenzkampf unter Eltern ist sehr groß“, weiß die Hebamme. „Ich erlebe immer wieder, dass die Kleinen mit vier Monaten schon im Kinderstühlchen hängen, obwohl sie noch gar nicht sitzen können. Dass Eltern Brei füttern, obwohl das Kind noch nicht so weit ist. Oder dass Kinder in Lauflernhilfen gesetzt werden, in denen sie mit den Zehenspitzen den Boden berühren – was zu erheblichen Fußfehlstellungen führen kann. Das ist der Horror schlechthin.“


Mein Kind kann das schon


Und alles aus einem Grund: Der Ehrgeiz „mein Kind kann das schon“. Dabei betonen Hebammen und Ärzte immer wieder, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat. „Es kann zu körperlichen Schäden führen, das Kind hinzusetzen, obwohl es sich noch nicht von allein halten kann“, sagt Margret Salzmann. Und man könne dem drei Monate alten Baby zwar zeigen, wie es sich am besten dreht. „Aber wenn es noch nicht so weit ist, muss man das akzeptieren.“

Genau so sieht es die Hebamme Saskia Dahm (46). „Jedes Kind hat seine Entwicklung und wird mit einem eigenen Charakter geboren.“ Auch sie beobachtet Wettbewerb unter Müttern – und zwar schon, bevor das Kind da ist. „Es geht ja schon in der Schwangerschaft los, wenn Frauen ihre Bäuche und ihr Gewicht vergleichen.“ Nach der Geburt gehe es dann darum, wie schnell die Mütter wieder in ihre alten Hosen passen.

Und um die Kinder. Dabei ist Stolz ganz natürlich: Jede Mutter und jeder Vater hält nun mal sein eigenes Kind für das schönste, süßeste und begabteste. Problematisch wird es, wenn sie versuchen, auch andere Eltern davon zu überzeugen. „Niemand macht es offen. Meistens läuft das subtil ab“, sagt Saskia Dahm.   Ja, habt ihr denn keine Einschlafrituale? Ach, dein Kind ist schon wieder krank? Tom kann schon sprechen, wir beschäftigen uns aber auch viel mit ihm. Ist es denn normal, dass deine Tochter noch nicht läuft? Echt, du fütterst Gläschenkost? Lisa war mit einem Jahr schon trocken!

Scheinbar harmlose Aussagen, die Eltern dennoch arg zusetzen können – selbst wenn sie gar nicht böse gemeint sind. „Gerade frisch gebackene Mütter sind empfindsam und nehmen sich viele Dinge zu Herzen“, weiß Saskia Dahm. Dazu gehört nicht nur die Entwicklung des Kindes, sondern auch der Wunsch, eine perfekte Mutter zu sein. „Eltern zeigen sich schon gegenseitig, wie toll sie sind“, berichtet Maria Hansen (30), Mutter einer einjährigen Tochter. „Nach dem Motto: Ich füttere nur Bio, bin super informiert,   kaufe meinem Kind die süßesten Klamotten und den besten Buggy.“


Einfach mal den Mund halten


Allerdings sieht Saskia Dahm auch eine positive Tendenz: „Ich habe das Gefühl, dass die Frauen offener geworden sind und sich öfter trauen zu sagen, dass ihr Kind anstrengend ist.“ Ehrlichkeit hilft. Und manchmal hilft es auch, einfach mal nichts zu sagen. Einer Mutter, die total erschöpft ist, entgegenzuflöten, wie toll beim eigenen Kind alles klappe, sei schlichtweg „gemein“, findet Saskia Dahm. „In solchen Situationen wäre es schön, einfach mal den Mund zu halten.“

*Name geändert

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen