Vertrauen schenken : „Deutsche Kinder haben viel Freiraum“

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In den USA werden Kinder streng beaufsichtigt. Kritiker fordern, ihnen mehr zuzutrauen – Vorbild ist Deutschland.

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22. April 2018, 05:00 Uhr

Sie dachte an ein Missverständnis. Als die Amerikanerin Sara Zaske, kurz zuvor in Berlin angekommen, mit deutschen Freunden einen Park besuchte – und diese ihre kleinen Kinder allein zum Spielplatz um die Ecke schickten. Ohne Aufsicht. Ohne dass man sie sehen konnte. Sara Zaske wollte aufstehen und hinterhergehen, doch die deutsche Mutter hielt sie zurück: „Alles in Ordnung. Sie spielen immer hier.“

Sara Zaske hat dieses Erlebnis in ihrem Buch „Achtung, Baby“ beschrieben. Und viele weitere, mit denen die Autorin, die sechs Jahre in Berlin lebte, zeigt, was amerikanische Eltern von deutschen lernen können. Fazit: „Deutsche Eltern und Erzieher geben Kindern sehr viel mehr Freiraum und Unabhängigkeit als amerikanische.“

Wie bitte?, mag da mancher fragen. Schließlich schwelt hierzulande eine ständige Diskussion um Überbehütung, Elterntaxis und Helikopter-Mütter. Zieht man aber den Vergleich USA heran, zeigt sich: alles gar nicht so schlimm. Helikopter-Eltern gebe es in den USA nicht nur ein paar, sagt Sara Zaske: „Es ist die ganze Kultur“. Eine „Kultur der Kontrolle“ nennt sie das – und zwar staatlich sanktioniert.

Vor zwei Jahren machte der Fall einer Mutter Schlagzeilen, die im US-Bundesstaat Delaware ihre acht- und neunjährigen Sprösslinge kurz allein gelassen hatte, um einzukaufen. Als sie zurückkam, wurde sie festgenommen und wegen Kindesvernachlässigung angeklagt. Ein Passant hatte die Kinder, die mit den Hunden kurz rausgegangen waren, gesehen und die Polizei gerufen.

„Amerikanische Kinder werden immer überwacht, ihnen wird nichts zugetraut“, weiß Sara Zaske. Den Nachwuchs allein zur Schule gehen lassen? Niemals. „Eltern müssen sogar die Hausaufgaben ihrer Kinder abzeichnen“, so Zaske. Doch es regt sich Widerstand. Angeführt wird die Kritik an der stark reglementierten Kindheit von der „free range kids“-Bewegung. Deren Begründerin Lenore Skenazy aus New York hatte 2008 öffentlich gemacht, dass sie ihren neunjährigen Sohn allein U-Bahn fahren ließ – und einen Sturm der Entrüstung geerntet.

Kürzlich freuten sich die Unterstützer der freien Reichweite über einen Erfolg: Als erster US-Bundesstaat hat Utah die gesetzliche Pflicht zur Aufsicht von Kindern gelockert. Diese dürfen dort nun ohne elterliche Aufsicht zur Schule oder zum Supermarkt gehen – die absolute Ausnahme. So ist es beispielsweise in Illinois verboten, unter 14-Jährige allein zu lassen.

Kein Wunder, dass Sara Zaske sich in Deutschland ständig wunderte: Über Kinder, die unbeaufsichtigt auf den höchsten Klettergerüsten herumturnen. Die ohne Eltern Bus fahren, mit ihren Freunden allein draußen spielen. Die überhaupt viel mehr draußen sind, sagt Zaske. Auch die Kindergärten hätten sie überrascht: Da gebe es nicht nur spielzeugfreie Zeiten, sondern auch viel mehr Durcheinander und freies Spiel als in den akademisierten Einrichtungen in Übersee. Und die Lütten baden nackt im Planschbecken und schnibbeln mit echten Küchenmessern Obst! Aber das „wohl Schockierendste für mich war, dass Deutsche ihren Kindern zeigen, wie man mit Zündholzern umgeht, das ist in den USA strikt verboten“, erzählt Zaske.

Intensive Kinderbehütung, so eine Studie, ist in Amerika zur sozialen Norm geworden – es ist dort gesellschaftlich nicht akzeptiert, den Kindern Freiraum zu geben. Sara Zaske findet das mehr als schade. „Ich bevorzuge den deutschen Weg, Kindern zu vertrauen, sie selbst lernen zu lassen.“ Und: „Deutsche behandeln ihre Kinder mit Respekt und Vertrauen und glauben an ihre Rechte. Das ist viel gesünder.“

Sina Wilke

Sara Zaske: Achtung, Baby. An American Mom on the German Art of Raising Self-Reliant Children (englisch), Picador 2018, 239 S., 9,99 Euro, ISBN 978-1250189936.

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