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Osterurlaub : „Der Junge braucht was Warmes“

vom
Aus der Onlineredaktion

Ostern mit dem Auto zu verreisen ist mutig. Auch noch einen 14-Jährigen mitzunehmen, der von Frankreich träumt, ist verrückt.

Eigentlich wollte ich nicht verreisen, nicht zu Ostern, auf keinen Fall, ich bin doch nicht verrückt! Doch unser 14-jähriger Neffe Henning fragte in den Vorwochen so eigenartig, ob und wann wir denn nach Frankreich aufbrechen würden. Ich war irritiert, bis mir meine Frau beichtete, ihm zu Weihnachten versprochen zu haben, Henning in den Osterferien an die Côte d‘Azur „mitzunehmen“, damit er dort sein Französisch verbessern könne. Ich verfluchte den Rotwein, den Hennings Eltern damals so reichlich aufgetischt hatten.


Ein wenig unruhig war ich schon, als wir beim Start hörten, der Stau vor Hamburg betrage jetzt schon 23 Kilometer. Doch meine Frau meinte barsch, meine Ungeduld wäre kein Vorbild für den Jungen, und Henning fand es toll, dass ihn so viele Menschen auf seinem Frankreich-Trip begleiten wollten.

Ich mag zwar die Lüneburger Heide. Wenn man zu diesem Zeitpunkt allerdings schon in der Gegend von Göttingen sein möchte, findet das Auge nur schwer Gefallen an der lieblichen Landschaft. Wegen des quengelnden Jungen, der ständig trank, mussten wir viele Toilettenpausen einlegen. Dann fand Henning unsere Bordverpflegung „fremd“. Nun, Burger, Döner und Ketchup essen wir nicht, auch keine Salamipizza. „Scheißbrote!“, murmelte Henning missmutig.

Nach Hannover kam der Verkehr endgültig zum Stehen. Wir stiegen auf der Autobahn mehrfach aus, führten Gespräche mit netten Leuten, die uns erklärten, normalerweise würden sie nie zu Ostern in Urlaub fahren. Und alle wünschten uns schönen Osterurlaub. So verging Stunde um Stunde, bis wir endlich ans Hattenbacher Dreieck gelangten. „Wir fahren jetzt die Abzweigung nach Frankfurt und dann über Karlsruhe Richtung Basel, das ist kürzer“, grinste ich gewitzt zu Henning. Bedauerlicherweise hatte ein Lkw-Fahrer vor uns dieselbe Idee. Er kippte bei einer scharfen Bremsung einfach um und einen Teil seiner Ladung auf die Autobahn. So durften wir uns zwei Stunden lang kostenlos die Landschaft bei Alsfeld ansehen. Mit Ausrufen wie „Schau mal, der rote Vogel da!“ oder „Schön, wie die Knospen hier sprießen!“, versuchte meine Frau die Stimmung zu bessern.


Die Radiomeldung „Autobahn A5, Richtung Basel, Stau ab Karlsruhe rund 45 Kilometer“ ließ mich sofort kalkulieren, dass wir mit der bisherigen Durchschnittsgeschwindigkeit erst in drei Tagen in Nizza eintreffen würden, dann aber nach wenigen Stunden schon wieder umkehren müssten. Wir fuhren im Schritttempo an Karlsruhe vorbei, schließlich entdeckte Henning ein Hinweisschild, das ihn faszinierte: STRASBOURG 80 KM. „Ist das französisch?“, rief er begeistert. „Ja, aber noch längst nicht die Côte d’Azur“, sagte ich erschlafft. „Brauchen wir denn die im Urlaub?“, fragte Henning. „Eigentlich nicht“, antwortete meine Frau merkwürdig teilnahmslos. „Es ist jetzt schon halb acht Uhr, der Junge braucht was Warmes im Magen“, sagte sie, nahm die Straßenkarte und fand im Stau schnell heraus, dass uns bei Rastatt die nächste Ausfahrt erwartete.

Wir entkamen dem Verkehr, speisten in einem kleinen Wirtshaus gut zu Abend, worauf Henning die Augen zufielen. Dann suchten wir uns eine Pension. Meine Frau sprach angeregt mit der jungen Dame am Empfang, kehrte zum Wagen zurück, rief „Alles in Ordnung“ und nahm den schlaftrunkenen Henning an der Hand.

Als wir eintraten, empfing uns die junge Dame an der Rezeption mit einem lauten „Bonsoir Madame et Monsieur“. Henning wachte sofort auf, bekam leuchtende Augen: „Sind wir schon in Frankreich???“ „Natürlich!“, lächelte meine Frau und flüsterte mir zu: „Man muss nur mit den Leuten reden!“

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erstellt am 15.Apr.2017 | 16:00 Uhr

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