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Eltern und Kind

24. November 2017 | 08:46 Uhr

Studie : Der Geschwister-Mythos

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Angepasste Erstgeborenen, rebellische Nesthäkchen? Es ist ganz anders.

svz.de von
erstellt am 10.Apr.2016 | 09:00 Uhr

Erstgeborene sind angepasst, Nesthäkchen Rebellen, und Sandwich-Kinder haben es schwer. Klingt logisch, oder? Schließlich müssen die Ältesten vernünftig sein und Verantwortung übernehmen, während die Kleinen auffallen wollen, um die großen Geschwister zu übertrumpfen.

Viele Eltern kennen solche Schlussfolgerungen. Und lange Zeit wurden ihre laienpsychologischen Erklärungen für dieses oder jenes Verhalten von Wissenschaftlern gestützt: Von Frank Sulloway etwa, der glaubt, dass Geschwister aufgrund ihrer Geburtenfolge verschiedene Nischen besetzen. Oder von Kevin Leman, der die Charakteristika von Geschwistern folgendermaßen zusammenfasst: Erstgeborene sind perfektionistisch, Mittelkinder drücken sich und Nesthäkchen tanzen aus der Reihe.

Doch nun zeigen gleich zwei großen Studien: Alles Unfug! Die Auswirkung der Geburtenreihenfolge ist gleich null. „Wir haben im Bereich der Persönlichkeit keine Effekte gefunden“, berichtet Prof. Dr. Stefan Schmukle, Psychologe der Universität Leipzig. Untersucht haben er und sein Team die sogenannten Big Five der Persönlichkeit: Extraversion (von extrovertiert; eine nach außen gewandte Haltung), Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität, Verträglichkeit (Umgang mit anderen Menschen) und Offenheit für neue Erfahrungen. Die Forscher untersuchten die Daten von 20  000 Geschwistern aus drei Ländern. Lediglich bei der Intelligenz fanden sie einen Effekt – allerdings war der minimal. Um etwa einen Punkt fällt der IQ beim zweiten und wiederum beim dritten Kind. „Am wahrscheinlichsten ist, dass Eltern mehr Zeit für das erste Kind haben und es mehr fördern“, sagt Schmukle. Allerdings: Ein Punkt sagt kaum etwas aus; in über 40 Prozent der Fälle hat das später Geborene einen höheren IQ.

Eine Studie aus den USA bestätigt die Ergebnisse weitestgehend: Psychologe Brent Roberts und seine Kollegen werteten die Daten von rund 270  000 Schülern aus. Auch sie fanden eine geringe Korrelation von Geburtenfolge und Intelligenz. Was die Persönlichkeit angeht, wurden sie zwar fündig: So stellten sie fest, dass das erste Kind tatsächlich ein wenig gewissenhafter, verantwortungsbewusster und dominanter ist und seltener unter Ängsten leidet als seine jüngeren Geschwister. Allerdings waren die Unterschiede so„verschwindend klein“, dass sie im persönlichen Kontakt gar nicht wahrnehmbar seien, erklärt Roberts.

Wie kommt es dann, dass Wissenschaftler jahrelang andere Ergebnisse fanden? Schmukle nennt dafür zwei Gründe: Voreingenommenheit und geringe Datenmengen. „Auch Wissenschaftler sind durch Laiensicht geprägt“, sagt er. Außerdem gebe es „relativ viele Untersuchungen mit kleinen Stichproben. Wenn man nur ein paar Familien fragt, findet man schon was.“ Wie schnell eine Untersuchung unsauber werden kann, zeigt ein Erlebnis von Schmukle. „In einer ersten Stichprobe fanden wir heraus, dass Erstgeborene zuverlässiger waren.“ Allerdings hatten die Forscher zu dem Zeitpunkt noch Ältere direkt mit Jüngeren verglichen. Nachdem sie den Effekt altersabhängig kontrolliert hatten, verflüchtigte er sich – er hatte nichts mit der Geburtenfolge zu tun gehabt, sondern schlicht mit dem Altersunterschied der Kinder zum Zeitpunkt ihrer Untersuchung.

„Die Familiendynamik ist schon wichtig für die Persönlichkeit,“ sagt Schmukle. „Aber die Effekte sind in jeder Familie anders. Es gibt nicht den typischen Erst- oder Drittgeborenen.“ Wer genau hinhört, erkennt das auch im Gespräch mit Eltern: Die einen sind sicher, dass das erste Kind mit der größten Aufmerksamkeit verwöhnt wird, weil es jahrelang das Einzige war. Die anderen glauben, dass das beim Letzten der Fall ist , weil es viel mehr verhätschelt wird. Und wer sagt eigentlich etwas von angepassten Erstgeborenen und rebellischen Nesthäkchen? Auch diese These ist populär: Die Älteren sind rebellischer, weil sie sich ihre Freiheiten erkämpfen müssen, während sich die Kleinen ins gemachte Nest setzen. Klingt logisch, oder?

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