Schulkinder : Der frühe Vogel ist müde

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Der Schulunterricht beginnt zu früh, monieren Schlafforscher. Um 9 Uhr wären die Schüler fitter und leistungsfähiger.

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24. September 2017, 09:00 Uhr

Sechs Uhr. Um diese Zeit klingelt bei Jonas (13) der Wecker. Er grummelt, die Augen fallen ihm wieder zu. Aber er muss. Um 7.30 Uhr fängt die Schule an. Erste Stunde: Mathe. Jonas gähnt und legt den Kopf auf den Tisch.

Jonas ist nicht faul. Er ist eine Eule. Längst ist bekannt, dass es Morgentypen gibt, die Bäume ausreißen können, sobald sie beim ersten Gesang der Amsel aus dem Bett springen – man nennt sie Lerchen. Und dann gibt es jene, die bei Einbruch der Dunkelheit erst aufdrehen, morgens dagegen nicht hochkommen – die Eulen. Unsere innere Uhr bestimmt, welcher Typ wir sind. Das ist genetisch vorbestimmt, wir können nicht daran rütteln. Kinder sind anfangs meistens noch Lerchen. Mit dem Alter verschiebt sich ihr chronobiologischer Rhythmus bis etwa Anfang 20 immer weiter; drei Viertel der Jugendlichen sind Eulen.

Obwohl also die große Mehrheit der Schüler morgens noch gar nicht fit ist, bittet in Mecklenburg-Vorpommern der Schulgong in der Regel zwischen 7 und 8.30 Uhr zum Unterricht. Kein Wunder, denn Deutschland hat eine Kultur der Frühaufsteher: Sie gelten als fleißig und diszipliniert, während die sogenannten Langschläfer oft für faul und bequem gehalten werden.

Während also in anderen europäischen Ländern ein Unterrichts- und Arbeitsbeginn um 9 Uhr normal ist, kann man in deutschen Klassenzimmern jeden Morgen die Konsequenzen des frühen Vogels beobachten: müde Kinder, müde Lehrer. Die Schüler hätten einen „sozialen Jetlag“, sagt der renommierte Schlafforscher Till Roenneberg, und: „Das Schulsystem arbeitet gegen die Natur der Jugendlichen.“

„Problematisch“ nennen daher Schlafforscher einen Unterrichtsbeginn vor acht Uhr – und fordern, ihn nach hinten zu verschieben. „Neun Uhr wäre eine gute Zeit“, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung, Alfred Wiater. Er hat starke Argumente: Studien zeigen, dass Schüler nicht nur gesünder, leistungs- und lernfähiger, sondern auch glücklicher sind, wenn sie länger schlafen dürfen. Schon eine halbe Stunde wirkt Wunder.

Zudem würde ein späterer Schulbeginn eine Ungerechtigkeit beseitigen: Die Noten von Morgenmuffeln sind schlechter als die von Frühaufstehern; nicht weil sie weniger intelligent wären, sondern weil Klassenarbeiten zu Zeiten angesetzt sind, an denen sie noch im Leistungstief stecken. „Dann sollen sie halt früher ins Bett gehen“, ist ein häufiges Argument. Doch das funktioniert nicht: „Sie können dann einfach noch nicht einschlafen“, sagt Humanbiologin Dr. Manuela Dittmar von der Uni Kiel.

Doch obwohl auch Politiker wie Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig sich für einen späteren Unterrichtsbeginn aussprechen, sieht es derzeit nicht so aus, als würden die Schulen umdenken. „Vom Biorhythmus her ist ein späterer Anfang bestimmt sinnvoll“, sagt Bernd Schauer von der Lehrergewerkschaft GEW. „Aber Wissenschaft ist das eine, Praktikabilität das andere.“

Das Problem: Viele Eltern müssen zeitig zur Arbeit, ihre Kinder bei späterem Schulbeginn dann allein aus dem Haus oder in die Frühbetreuung. Jonas muss also weiter durchhalten. Erste Stunde Mathe. Gähn.

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