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Eltern und Kind

21. November 2017 | 18:43 Uhr

Integration : Der eingeborene Sohn

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bei einem Krippenspiel will ein Kind somalischer Einwanderer den Joseph spielen – geht das gut?

svz.de von
erstellt am 20.Dez.2015 | 09:00 Uhr

Als wir vor anderthalb Jahren, also noch vor Beginn der großen Flüchtlingswelle, die Einschulung unseres Enkels Noah in Wiesbaden miterlebten, überraschte uns das unglaubliche Multi-Kulti-Gemisch der Abc-Schützen mit ihren Begleitern. Oder vielmehr, wir waren schlicht erschrocken, das gebe ich gerne zu: Hautfarben aller Schattierungen, Frauen in bodenlangen schwarzen Gewändern mit verschleierten Gesichtern, Männer mit Glatzen und tiefschwarzen Vollbärten. Ein aufgeregtes Gemisch fremder Sprachen und Laute erfüllte den großen Raum. Wir, Nordfriesen vom Dorf, fühlten uns merkwürdig fremd, fast beklommen in dieser Vielvölkerbasar-Atmosphäre, und tagelang beschäftigte uns die etwas bange Frage: „Wie ganz anders als wir früher wird wohl unser Enkel durch die Schulzeit gehen?“

Glücklicherweise wurde aber sehr bald deutlich, dass unsere Bedenken und Ängste durch das tagtägliche Miteinander der Kinder selbst überwiegend gegenstandslos wurden; die glückliche Gabe, Trennendes nicht wahrzunehmen und Gegensätze spielerisch zu überwinden, zeigt sich in diesem Lebensalter offenbar noch als ursprüngliche und starke menschliche Eigenschaft.

Aber: Hätten Sie gedacht, dass vor diesem Hintergrund kultureller und natürlich auch religiöser Vielfalt in so einer Klasse, zumal einer modernen Großstadt-Schule, tatsächlich in urdeutscher Tradition ein Krippenspiel einstudiert und aufgeführt wird? Und dass die Kinder ausnahmslos mit Begeisterung bei der Sache wären? Doch genau so kam es dieser Tage! Und dabei entwickelten sie so großen Ehrgeiz, dass sich am dritten Tag des Probens eine Gruppe dieser Zweitklässler etwas geheimnisvoll während der großen Pause in einer Ecke des Schulhofs traf mit dem engagierten Vorsatz: „Wir führen außerdem unser eigenes und selbsterfundenes Krippenspiel auf!“ Ein Jeremiah entpuppte sich als Initiator und war auch gleich mit Vorgaben für Drehbuch und Regieanweisungen bei der Hand, zumal er, wie Noah berichtete, schon seit Längerem im Religionsunterricht durch erstaunliche Bibelkenntnisse aufgefallen war; wohl Kind frommer christlicher Eltern, wie bei diesem Vornamen vermutet werden darf.

Mit diesem legitimierenden Hintergrund ausgestattet, übernimmt Jeremiah auch sofort die Rollenverteilung: „Ich bin Joseph, denn Joseph und Jeremiah fangen beide mit J an, und dann passt das sowieso!“ Sofortiger Protest der anderen Akteure (wobei an dieser Stelle erklärt werden muss, dass Jeremiahs Eltern beide aus Somalia stammen): „Joseph geht nicht als Neger, Joseph muss weiß sein!“ Aufgeklärte Kritik an diesem Einwand von Noah: „Neger darf man nicht mehr sagen, er ist Schwarz-Afrikaner!“ Jeremiah wehrt sich: „Blödsinn, ich war überhaupt noch nicht in Afrika!“ Am nächsten Widerspruch scheinen die Pläne des Regisseurs schon fast zu scheitern: „Gestern hab’ ich die Krippe bei Karstadt gesehen, da war Joseph auch weiß! Aber ein Schwarzer war dabei, einer von den drei Königen“ – jetzt ein Friedensangebot – „Du könntest doch König sein, der mit dem Gold!“

Mit so einer offensichtlich bedeutungsarmen Nebenrolle kann sich nun aber Jeremiah, der ja die Fäden in der Hand behalten will, natürlich nicht zufriedengeben. Und so spielt er, der theologisch haushoch Überlegene, jetzt seinen im Kreise der Achtjährigen unwiderlegbaren Trumpf aus: „Mein Vater hat vorgelesen, dass Jesus der eingeborene Sohn von Joseph ist – und das weiß doch wohl jedes Baby, dass die Eingeborenen schwarz sind! Und dann muss Joseph als Vater doch wohl auch schwarz sein!“

Müssen wir uns um Integration von Flüchtlingen auf lange Sicht noch Sorgen machen? Die Antwort der Kinder ist ganz klar: „Nein!“

Der Autor, Dr. Gerhard Steinort (70) aus Langenhorn im Kreis Nordfriesland (Schleswig-Holstein), ist zweifacher Großvater und Allgemeinmediziner im Ruhestand.

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