Familei in der Kritik : Den Kindern geht es gut!

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Kinder sind verhaltensauffällig, Familien zerrüttet und Eltern überfordert – so lauten gängige Kritiken. Stimmt nicht, sagt der Entwicklungspychologe Martin Dornes.

svz.de von
05. September 2015, 08:00 Uhr

Nein, er habe keine Zeit für ein Gespräch. Er käme nicht mehr zum Arbeiten, so der Entwicklungspsychologe, wenn er auf alle Interview-Wünsche eingehen würde. Das erstaunt ein bisschen, denn der Mann, der Martin Dornes heißt, hat ein Buch geschrieben, das kaum bekannt ist („Die Modernisierung der Seele. Kind – Familie – Gesellschaft“, über 500 Seiten). Dabei enthält es starke Thesen. Der Tenor: Die vielen Klagen über die Kinder und Eltern von heute sind unbegründet. Kinder und Eltern sind besser als ihr Ruf.

Dafür hat Dornes Dutzende Theorien und Katastrophenberichte aus deutschen Familien unter die Lupe genommen – und sie Stück für Stück wissenschaftlich widerlegt. Verhaltensstörungen, Medienkonsum, Zeitmangel, Burn-Out – alles nicht so schlimm, sagt Dr. Dornes. Einige seiner Thesen in der Übersicht:

Medienkonsum: Jugendliche nutzen Medien zwar ausgiebig, werden dadurch aber nicht unsozial, sondern treiben nach wie vor Sport und treffen Freunde. Fernsehen oder Computerspiele beeinträchtigen weder die Phantasie noch die Sprachfähigkeit. Gefahr geht nicht von den Medien, sondern von einem schwierigen familiären Umfeld aus.

Zeitmangel: Eltern, insbesondere Väter, verbringen heute mehr Zeit mit ihren Kindern als die Vorgängergenerationen; und berufstätige Mütter kaum weniger als Hausfrauen (sondern vor allem weniger mit Hausarbeit und dem Partner).

Bildung: Hier gehen die Meinungen der Experten auseinander. Einig sind sich die meisten darüber, dass Schüler heute einen größeren Wortschatz und eine bessere Ausdrucksfähigkeit und eine schlechtere Rechtschreibung haben.

Überforderung: Kinder sind in der Schule nicht überfordert und fühlen sich von ihren Eltern unterstützt. Sie haben heute mehr Freizeit als frühere Generationen und waren noch nie so lange von der Teilnahme an der Arbeitswelt befreit.

Verhältnisse: Noch nie wuchsen Kinder so behütet auf – Krieg, Vertreibung, absolute Armut, Diskriminierung, unhygienische Wohnverhältnisse, schlechte medizinische Versorgung oder fehlende Ausbildung sind heute kaum noch Themen.

Psychische Erkrankungen: Studien seit 1948 zeigen: Es gibt bei Kindern und Jugendlichen keinen Anstieg psychischer Erkrankungen.

Hyperaktivität: Am Ausmaß von Nervosität und Konzentrationsproblemen hat sich seit 50 Jahren nichts geändert. 1958 wurden 17 Prozent der zehnjährigen Jungen als „ausgesprochen hypermotorisch“ und 23 Prozent als konzentrationsgestört eingeschätzt – ebenso viele wie heute. Was Ritalin betrifft, so gibt es zwar seit den 90ern eine Steigerung des Konsums, von den 60ern an gesehen ist die Steigerungsrate aber gleich null.

Autoritätsverlust der Eltern: Es gibt weniger Konflikte in Familien, Kinder werden seltener geschlagen; auch zwischen den Eltern gibt es weniger Gewalt. Kinder haben mehr Mitspracherechte, die Erziehung ist weniger autoritär: Das Erziehungsziel ist heute nicht mehr Disziplinierung, sondern ein glückliches, selbstständiges Kind. Eltern sind heute stattdessen gute Ratgeber. Die entwicklungsfördernde Wirkung einer partnerschaftlichen Erziehung ist belegt. Die heute 20-Jährigen beurteilen ihre Eltern sehr viel besser als die heute 60-Jährigen. Und: Kinder äußern sich heute zufriedener als vor 50 Jahren.

Martin Dornes kommt zu dem Schluss, dass „es zu keiner Zeit der Mehrzahl der Kinder in Deutschland so gut ging wie heute, und zwar (...) in materieller, psychischer, körperlicher, kognitiver und bildungsmäßiger“ Hinsicht. Gründe für die vielen pessimistischen Einschätzungen nennt er einige: So seien nicht die Probleme gewachsen, sondern die Problemsensibilität – und damit einhergehend die Erwartung an Erziehung. Verklärung der eigenen Kindheit, Zunahme konservativer Blickwinkel im Alter und die schiefe Interpretation statistischer Daten spielten ebenso eine Rolle wie die Berichterstattung über spektakuläre Einzelfälle etwa von Jugendgewalt oder Komasaufen, die die Wahrnehmung verzerren. Zudem hätten sich auch die Bilder von Kindern geändert: War es früher normal, sich zu prügeln oder mit Kriegsspielzeug zu spielen, gilt es heute als aggressiv.

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