Überlastete Mütter : „Das macht Druck“

<p>Elternsein ist für viele Mütter und Väter so anstrengend wie selten zuvor – das liegt auch daran, alles perfekt machen zu wollen.</p>

Elternsein ist für viele Mütter und Väter so anstrengend wie selten zuvor – das liegt auch daran, alles perfekt machen zu wollen.

Arbeit, Haushalt, Kinder und dazu noch der Wettbewerb mit anderen. Buchautorin Nathalie Klüver erklärt, was Mütter ausbrennt – und wie sie das verhindern.

svz.de von
23. Juni 2018, 16:00 Uhr

Frau Klüver, Sie haben ein „Selbsthilfebuch“ für Mütter geschrieben. Warum brauchen Mütter Hilfe?

Viele Mütter sind überlastet, weil ihr Aufgabengebiet sich erweitert hat. Früher hatten sie Haushalt und Kinder, und der Mann hat gearbeitet. Heute arbeitet der Mann immer noch, die Frau hat auch immer noch Haushalt und Kinder, aber sie arbeitet meistens auch noch. Sie muss einen riesigen Spagat machen. Dazu kommt, dass sie viel mehr beobachtet wird als früher.

Wie meinen Sie das?

Natürlich haben die Schwiegermutter oder Nachbarin früher auch reingeredet – aber nicht die halbe Welt. Es ist unglaublich, wie sich Mütter im Internet zerfleischen. Da gibt es Facebook-Gruppen mit Erziehungsregeln, und wer sich nicht daran hält, auf den wird eingehackt. Es ist ein regelrechter Wettbewerb entstanden: Wer stillt am längsten? Wer hat die schönste Babykleidung und wer die kreativste Bastelidee? Und dann sieht man bei Instagram Fotos vom Kindergeburtstag aus dem tip top Haushalt im Scandinavian Style mit toller Torte und Kindern in selbstgenähten Kleidern. Das macht Druck.

Sie schreiben, dass sich viele Mütter in einem Hamsterrad befinden. Wie kommt man da raus?

Es gibt viele Mütter, die gar nicht mehr zur Ruhe kommen, nachts aufwachen und sich fragen, wie sie morgen alles schaffen sollen. Zunächst einmal muss man sich diesen Stress bewusst machen. Und dann: Innehalten, kurz durchatmen, sich sammeln, runterkommen. Es muss gar nicht das große Wellness-Wochenende sein, kleine Pausen tun es auch schon.

Aber Durchatmen hilft nur bedingt gegen den täglichen Stress, der ja nun mal da ist ...

Tiefes Atmen entspannt sofort und lenkt ab vom Gedankenkarussell. Das ist schon mal ein guter Anfang. Was man auf jeden Fall machen sollte, ist, Nachmittagsaktivitäten der Kinder kräftig zu entrümpeln. Wir haben alles gestrichen und uns fehlt nichts. Man sollte bei jedem Hobby der Kinder hinterfragen: Haben sie wirklich Spaß daran, oder denke ich nur, dass es gut für sie ist? Im freien Spiel lernen Kinder alles, was sie brauchen, und in Kindergarten und Schule bekommen sie schon genug Input. Außerdem werden die Fördereffekte dieser Aktivitäten überschätzt.

Was kann man noch tun?

Sich davon verabschieden, dass man der Daueranimateur seiner Kinder ist. Das waren unsere Eltern ja auch nicht. Kinder müssen lernen, sich selbst zu beschäftigen. So kann man sich freie Momente verschaffen. Vielleicht hilft es, morgens eine Viertelstunde vor allen anderen aufzustehen, um die Zeitung zu lesen. Oder es gibt die Möglichkeit, das Kind ein bisschen später von der Kita abzuholen? Mütter sollten lernen auch mal „nein“ zu sagen: Zu Überstunden, dem Kuchen in der Kita oder dem Besuch der Verwandtschaft. Außerdem sollte man versuchen, sich von dem Streben nach Perfektion freizumachen. Man kann ruhig dazu stehen, dass nicht immer alles aufgeräumt ist – es geht anderen ja genauso.

Was ist mit den Vätern – die haben doch auch Stress?

Studien zeigen, dass Männer sogar mehr arbeiten, wenn sie Kinder haben. Was bei ihnen wegfällt, sind der Wettbewerb und der Druck, es perfekt zu machen. Auch mit diesen ganzen Erziehungsratgebern schlagen sich Väter meistens nicht herum. Sie haben eine andere Natürlichkeit. Das heißt, sie setzen sich einfach mal hin, lesen Zeitung und haben dabei nicht das Gefühl, dass noch etwas getan werden muss. Sie müssen auch weniger im Kopf haben: was das Kind morgen zum Ausflug braucht oder welches Geschenk man für den Kindergeburtstag noch besorgen muss – damit beschäftigen sich meistens die Mütter.

Die Journalistin Nathalie Klüver (38) aus Lübeck berichtet in ihrem Blog www.ganznormalemama.com aus ihrem Familienalltag. Sie hat drei Kinder (7, 4 Jahre und 6 Monate).

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