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Eltern und Kind

25. September 2017 | 06:34 Uhr

Elternzeit : Alltag statt Alicante

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Viele Familien nutzen Papas Elternzeit für einen ausgedehnten Urlaub. Toll! Aber auch ein bisschen einfach, findet unsere Autorin.

svz.de von
erstellt am 06.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Die Bilder sahen toll aus: Schweiz, Spanien, Italien, ein Glas Wein vor dem herrlich blauen Mittelmeer. Dazu Kommentare wie: „Schweres Schicksal. Ende der sechsten Urlaubswoche.“ Die ganz normale Urlaubswolke in den sozialen Netzwerken – Bilder zum Mitfreuen und neidisch werden, wenn andere es woanders gut haben. Nur, dass dies kein normaler Urlaub war, sondern Elternzeit. Deshalb war mein Bekannter mit seiner Familie auch nicht zwei Wochen unterwegs, sondern zwei Monate.

Vorweg: Ich gönne es ihm und seiner Familie. Genauso wie allen anderen Paaren, die es sich in seiner – klassischerweise – zweimonatigen Elternzeit in der Ferne gut gehen lassen. Sardinien, Kroatien, Thailand – alles ist drin. Und es ist ja auch toll: Da haben Familien die Möglichkeit auf eine lange Auszeit, um gemeinsam auszuspannen, rauszukommen, Neues zu erleben. Und was die Familie stärkt, kann doch nicht falsch sein, oder?

Trotzdem haben für mich die euphorischen Urlaub-mit-Baby-Berichte, über die man immer wieder stolpert, einen Beigeschmack. Nicht weil der Urlaub nur für die Eltern ist, da es Baby piepegal ist, wo es lecker Brei bekommt. Natürlich brauchen kleine Kinder keinen Urlaub, aber: glückliche Eltern, glückliche Kinder. Und ich kann auch der Kritik nicht folgen, die Familie mache „Urlaub auf Staatskosten“. Das Elterngeld haben sich Mama und Papa verdient, und wenn es zum Urlaub reicht – warum nicht? Familie ist man überall.

Nein, in meinen zynischen Momenten denke ich so: Das hat der Herr sich ja fein ausgedacht. Während sich die Frau oft ein Jahr lang ganztags- und nächtens von dem kleinen Brüller an den Nerven zehren lässt und dabei noch den Haushalt stemmen muss, macht der Mann in seiner Elternzeit einfach Urlaub – mit Mama an der Seite, die sich dann auch noch auf Mallorca oder am Gardasee um Babys Belange kümmert.

Klar, er arbeitet wahrscheinlich sonst auch wie ein Tier und bringt sich wahrscheinlich noch abends bei der Kinderbespaßung und im Haushalt ein, während es für Mama schließlich nicht nur schwer, sondern auch schön ist, so viel Zeit mit dem Kind zu verbringen. Aber schön wäre es doch auch, wenn Papa merkt, was das wirklich bedeutet: das Baby zu begöschern. Und zwar nicht mit Mama an der Seite, die hinzuspringt, sobald ein Pups quer sitzt. Und auch nicht bei Rotwein und 25 Grad an der Cote d’ Azur. Sondern richtig. Nein, auch nicht für zwei Stunden, wenn Mama beim Sport ist oder für ein Wochenende, wenn sie mit ihren Freundinnen Wellness macht. Sondern mit allem Rumms, der dazugehört.

Den Alltag organisieren. Antworten auf Dutzende Fragen finden: Was mache ich fürs Kita-Sommerfest? Was essen wir heute? Wann ist das Kleine weder in Schlaf- noch in Quengel-, sondern in Supermarktstimmung? Welche Kleidergröße hat es jetzt? Wann zum Teufel soll ich denn bloß aufräumen? Und das alles ohne Frau fragen zu können, wo jetzt nochmal die Feuchttücher sind oder das Kleine, sobald es mal etwas ausdauernd brüllt, flugs auf Mamas Arm zu verfrachten („Bei dir beruhigt es sich besser!“).

Ich gebe zu: Auch wir haben unsere Elternzeit gemeinsam genommen (wenn auch ohne Urlaub). Und natürlich besteht die Gefahr, dass eine reine Papa-Baby-Zeit bei allen zu Frust führt. Weil das Kind beim Vater viel schreit, der genervt ist und Mama dann auch. Aber es besteht auch die Chance, dass es gut läuft.

Dass der Mann seiner Frau – vielleicht die Hälfte der Elternzeit lang? – den Wiedereinstieg in den Job ebnet und stolz feststellt, dass er eben auch alles hinkriegt. Im Gegenzug erfährt Mama dann, wie es ist, wie ein Tier zu arbeiten und sich abends noch bei Kinderbespaßung und Haushalt einzubringen.

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