Kinderbücher : „Alle sind fokussiert auf die Bestseller“

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Kinderbuch-Lektorin Kerstin Behnken über den zunächst verkannten „Harry Potter“, Manuskripte von Hobby-Autoren und gute Kinderbücher.

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24. Februar 2018, 16:00 Uhr

Frau Behnken, wie erkennen Sie ein gutes Kinderbuch?

Oft ist es eine Bauch- und Gefühlsfrage: ob ich sofort in ein Buch hineingezogen werde, wirklich weiterlesen möchte, den Protagonisten interessant finde und mehr von ihm erfahren will. Ob der Erzählton im Buch mir gefällt. Das muss alles zusammenpassen.

Welche Kriterien gibt es noch?

In erster Linie muss sich der Leser gut unterhalten fühlen. Thematisch sollte ein Kinderbuch nicht so banal sein und nicht zu pädagogisch. Und man braucht immer Figuren, die Kinder interessieren und die sie mögen können. Gerade bei Kindern ist das Identifikationspotenzial wichtig.

Und wie ist das beim Bilderbuch?

Ein gutes Bilderbuch ist für uns eines, bei dem wir uns vorstellen können, dass Kind und Erwachsener kuschelig zusammensitzen und Spaß an den Geschichten und Bildern haben. Und dass sie sich auch über die Geschichte hinaus unterhalten. Auf den Seiten von „Pettersson und Findus“ sind etwa viele lustige Kleinigkeiten wie die Mucklas zu sehen. Da liest man nicht nur die Geschichte vor und klappt das Buch zu, sondern verweilt auf den Seiten und redet über die Bilder. Gerade für kleine Kinder ist es toll, auch mal abzuschweifen.

Wie schnell erkennen Sie, ob ein Manuskript etwas taugt?

Bei Bilderbüchern ist das eine Frage von wenigen Seiten. Bei längeren Büchern gebe ich mir häufig 70 Seiten. Wenn bis dahin nichts wirklich in Gang kommt, hätte schon jedes Kind das Buch weggelegt.

Wie viele Entwürfe bekommen Sie zugeschickt?

Im Jahr sind es zwischen 1000 und 1500 unaufgefordert eingesandte Manuskripte. Davon veröffentlichen wir vielleicht alle zwei Jahre mal eines. Daran merkt man, wie viele Leute Lust auf Bücher haben, aber auch, dass es viel schwerer ist, ein gutes Kinderbuch zu schreiben, als man glaubt. Hinzu kommen ein paar 100 Manuskripte von Agenturen und ausländischen Verlagen und einige von Autoren, mit denen wir schon zusammenarbeiten. Im Halbjahr veröffentlichen wir 40 bis 50 Kinder- und Jugendbücher.

„Harry Potter“ wurde von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es zum Bestseller wurde. Wie ist das möglich?

Sowas kann schon passieren. Wahrscheinlich konnte man sich nicht vorstellen, dass das damals neue Genre „Zauberei“ so viele interessiert. Man weiß auch nie, was das nächste große Ding wird, das ist immer eine Überraschung. Auf der anderen Seite gibt es viele gute Kinderbücher, die es verdient haben, sich besser zu verkaufen; aber alle sind sehr fokussiert auf die großen Bestseller.

Welches ist Ihr liebstes Kinderbuch?

Mein Lieblingsbuch aller Zeiten ist Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“. Das gefällt mir immer noch so gut!

Kerstin Behnken(41) ist seit 2003 Lektorin für Kinder- und Jugendbücher bei Oetinger in Hamburg, der etwa die „Pettersson und Findus“- und „Sams“-Reihen sowie Astrid Lindgren verlegt. Behnkens aktueller Geheimtipp: „Emmi und Einschwein“ von Anna Böhm.

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