Stottern : „Akzeptiert uns, wie wir sind!“

Selbstbewusst und mutig: Jana und Max haben bei Rüdiger Fleischhauer gelernt, sich aktiv mit dem eigenen Stottern auseinanderzusetzen.
Selbstbewusst und mutig: Jana und Max haben bei Rüdiger Fleischhauer gelernt, sich aktiv mit dem eigenen Stottern auseinanderzusetzen.

Max und Jana stottern. Die Schüler sind beim Logopäden Rüdiger Fleischhauer in Behandlung. Hier sprechen sie darüber.

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06. Juni 2015, 10:00 Uhr

Heute Morgen hat Max erfolgreich ein Referat in der Schule gehalten. „Ich habe natürlich gestottert, aber ich habe es geschafft“, freut er sich. Dass alles so toll klappte, liegt auch daran, dass Rüdiger Fleischhauer vor einiger Zeit mit ihm in seiner Schule war. „Er hat der Klasse und der Lehrerin Infos zum Stottern gegeben. Reihum musste jeder einmal künstlich stottern. Manchen war das peinlich. Sie haben am eigenen Leib gespürt, wie mutig man sein muss, um trotzdem zu sprechen. Hinterher kamen meine Mitschüler zu mir und sagten, dass sie Respekt vor mir haben“, meint Max. Gehänselt wurden er und Jana wegen ihres Stotterns bisher selten. Viele Stotterer müssen allerdings erleben, dass sie wegen ihrer Sprechstörung dumm angemacht werden.

Der zweithäufigste Grund nach Übergewicht für Mobbingattacken in der Schule ist Stottern. „Leider sind die Kenntnisse über diese Erkrankung in unserer Gesellschaft immer noch gering und häufig gibt es auch Vorurteile“, bedauern Max und Jana. Deshalb haben sie sich zu einem Gespräch bereit erklärt. Dabei dauert es teilweise etwas länger, bis sie auf eine Frage eine Antwort geben. So bleibt Jana am Wortanfang hängen oder sie zieht den ersten Buchstaben weit in die Länge, bis sie das ganze Wort sagen kann. Manchmal haben Max und Jana „Blocks“. Das sind Sprechblockaden. Das Wort bleibt im Hals stecken und für eine Weile geht dann nichts. Doch sie haben in der Stottertherapie bei Rüdiger Fleischhauer gelernt, wie sie mit solchen Situationen gelassen und angstfrei umgehen. Dieses Wissen wenden sie an und wenig später kommen sie wieder in einen Redefluss.

Zunächst stellen sich die zwei kurz vor. Max erzählt: „Ich bin 15 Jahre alt und besuche die zehnte Klasse eines Gymnasiums. In meiner Freizeit gehe ich schwimmen und spiele Tennis“. „Ich bin 17 Jahre alt, besuche eine Berufsfachschule und bin ich in der Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin“, berichtet Jana. In ihrer Freizeit tanzt sie und spielt Trompete in einem Feuerwehrmusikzug.
Wie das Stottern anfing, weiß Max noch genau. „Das begann mit vier bis fünf Jahren im Kindergarten. Deswegen wurde ich dort ausgegrenzt. Ich habe damals gespürt, dass ich anders spreche, aber erst später richtig realisiert, was eigentlich mit mir los ist und wie ich damit klarkommen kann. In meiner Grundschulzeit ging es dann bergauf. Da wurde ich nicht mehr ausgegrenzt. Ich kenne Herrn Fleischhauer seit acht Jahren und habe in dieser Zeit immer wieder für kürzere Phasen seine Unterstützung gebraucht. Manchmal stottere ich ein halbes Jahr kaum und dann gibt es wieder Zeiten, wo es stärker wird“, erläutert er. Jana ist seit über zwei Jahren in Behandlung. Sie stottert ebenfalls seit Kindertagen, mal mehr, mal weniger.

Wegen des Stotterns fällt es den beiden Jugendlichen in der Schule nicht immer leicht, sich mündlich am Unterricht zu beteiligen. Ebenso stellen das Vorlesen eine besondere Herausforderung dar. Spricht ein Stotterer, kann es etwas dauern, bis ein Satz vollständig ausgesprochen ist. Hier bitten Max und Jana: „Werdet nicht ungeduldig. Haltet, während wir reden, Blickkontakt. Hört gelassen zu und gebt uns die Zeit, die wir brauchen. Lasst uns unsere Sätze auf jeden Fall selbst zu Ende sprechen“. Von ihrem sozialen Umfeld wünschen sich die Schüler vor allem eines: „Akzeptiert uns einfach so, wie wir sind.“

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