Mobbing, Hänseleien, Ärger mit dem Lehrer : Eltern wollen Unterricht heimlich mithören: Welche Konsequenzen drohen?

 
 

In Zeiten von Smartphones und Armbanduhren mit Mikrofon denken nicht wenige Eltern darüber nach, den Unterricht mitzuhören.

svz.de von
27. Juli 2019, 05:00 Uhr

Osnabrück | Lange war alles in Ordnung. In der Familie, in der Grundschule, im Verein – Elsa* kam überall klar, war ein fröhliches Kind und darüber hinaus schlau. Eines Tages rät Elsas Lehrerin, das Kind eine Klasse überspringen zu lassen. Es würde sich sonst rasch langweilen. Womit die Eltern nicht gerechnet hatten: In der neuen Klasse wird Elsa immer stiller, will am Ende gar nicht mehr zum Unterricht. „Überall sonst lief alles weiter prima“, erzählt ihr Vater. War der Schritt doch zu groß? Oder liegt es an Lehrerin und Mitschülern?

Der Klassenraum bleibt für Eltern in diesem wie in anderen Fällen eine Black Box. Elsas Eltern informieren sich im Internet, sprechen mit einer Lehrerin in der Verwandtschaft, beratschlagen. Eine Idee: mit Elsas Handy eine Unterrichtsstunde aufzeichnen. „Ich will die Lehrerin nicht bloßstellen. Aber es wäre mir wichtig, ungefiltert zu erfahren, was da passiert“, sagt der Vater. Erklärt die Art der Lehrerin die Verunsicherung der Tochter? Oder gibt es andere Gründe?

Mit dieser Überlegung ist die Familie nicht allein. Digitale Geräte geben jedem die Möglichkeit, zuzuhören. Online finden sich zahlreiche Überlegungen von Eltern mit ähnlichen Sorgen – und Fragen von Lehrern dazu, wie sie damit umgehen sollen, wenn sie mit Aufnahmen konfrontiert werden und vielleicht wirklich nicht alles einwandfrei lief. „Man braucht nur einmal einschlägige Portale wie Youtube zu durchforsten, um die Dimension des Problems zu erkennen“, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Inzwischen klingt er verbittert. „Obwohl im Internet x-tausendfach solche illegalen Filmaufnahmen von Lehrkräften zu finden sind, tut die Politik bislang gar nichts“, wirft der Pädagoge den Verantwortlichen in den Ländern vor.

Strafrechtler: Klassenraum ist kein öffentlicher Ort

Illegal? Das stimmt. Michael Heghmanns ist Professor für Strafrecht und Direktor des Instituts für Kriminalwissenschaften der Universität Münster. Er erklärt: Grundsätzlich ist die Tonaufnahme im Klassenraum strafbar. Nach Paragraph 201 Strafgesetzbuch – „Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes“ – wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahre oder Geldstrafe bestraft, wer unbefugt das nichtöffentlich gesprochene Wort eines anderen aufnimmt. Das treffe auch auf den Unterricht zu. Der Klassenraum sei kein öffentlicher Raum, sagt Heghmanns. Bei der Definition von „öffentlich“ gehe es auch nicht darum, ob es sich etwa um eine staatliche Einrichtung handele oder nicht. Entscheidend sei, ob das Gesprochene nur für einen konkreten Empfängerkreis bestimmt sei – in diesem Fall für die Schulkinder und eben nicht deren Eltern oder die Öffentlichkeit.

Manche Eltern können das nicht nachvollziehen. „Am Ende steht Aussage gegen Aussage – wem glaubt man dann wohl“, schreibt eine Mutter in einem Forum. Sie fürchtet, dass sie ohne Aufnahme nichts in der Hand hat, wenn sie bei der Schulleitung vorspricht. Mancher denkt vielleicht auch an den österreichischen Politiker Heinz Christian Strache, der unlängst zurücktrat, nachdem ein heimliches Video ihn bei Verhandlungen mit einer vermeintlichen Oligarchin zeigte. Auch diese Aufnahme zweifelhafter Herkunft war verboten, wurde aber überwiegend als überfällige Enthüllung begrüßt. Kann das nicht auch für die Schule gelten?

Tonaufnahme als Beweis?

Falsch, sagt Rechtsprofessor Heghmanns. Selbst wenn die Eltern feststellen, dass sich eine Lehrkraft tatsächlich nicht korrekt verhält und Kinder etwa beleidigt oder sogar schlägt oder extreme politische Ansichten vertritt, bleibe das Anfertigen heimlicher Aufnahmen verboten. Gehen die Eltern mit ihrer Datei zur Schulleitung, begingen sie zusätzlich sogar eine weitere Straftat. Man könne nicht einmal mit einem Notstand argumentieren, damit also, dass es keine andere Möglichkeit gebe, ein Vergehen zu beweisen. Immerhin könne das Kind selbst aussagen, und es gebe mit den Mitschülern zahlreiche Zeugen. Selbst vor Gericht hätte eine heimliche Aufnahme allenfalls in besonders schweren Fällen wie Missbrauch oder Mord Bestand, bei einer Körperverletzung werde sie wahrscheinlich nicht zugelassen.

Lehrer fordern: Staat müsste jedem Verstoß nachgehen

Damit Eltern wegen einer heimlichen Aufzeichnung des Unterrichts tatsächlich vor Gericht kommen, müssen sie angezeigt werden, erklärt Heghmanns. Beim Paragraphen 201 handelt es sich um ein sogenanntes Antragsdelikt. Die Schule oder der Lehrer müssten also aktiv werden, was ausbleiben kann, um Aufsehen oder Aufwand zu vermeiden. Genau das stört den Lehrerpräsidenten: „Eigentlich müsste der Staat im Rahmen seiner Fürsorgepflicht von sich aus aktiv werden und jedem Verstoß gegen die Persönlichkeitsrechte seiner Bediensteten nachgehen“, fordert Meidinger. „Bislang lehnt er sich aber meist zurück und überlässt es betroffenen Lehrkräften, Anzeige zu erstatten.“

Für Elsa hätte eine heimliche Aufnahme vor Gericht übrigens keine strafrechtlichen Konsequenzen: Sie ist als Grundschülerin nicht strafmündig. In der Schule oder bei älteren Schülern kann das anders sein. Erst Mitte Juli hatte eine 14-Jährige aus Thüringen ihre Lehrerin gefilmt und das Handy, nachdem sie aufgeflogen war, als Diktiergerät weiterlaufen lassen. Ergebnis: ein Elterngespräch, eine Anzeige bei der Polizei und ein Appell der Lehrerin an die Mitschüler des Mädchens, ebenfalls über eine Anzeige nachzudenken, weil auch ihre Rechte verletzt worden seien.

Elsas Vater hat sich am Ende dagegen entschieden, mittels digitaler Helfer herauszufinden, was seine Tochter im Unterricht wirklich erlebt. Er habe beschlossen, den Lehrern und der Schule zu vertrauen, sagt der Mann heute. Und er hatte Glück: „Die Kleine hat die Phase durchgestanden. Mit der Zeit wurde die Lage ganz von alleine besser.“

*Name geändert

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen