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Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit : Eine Impfung, die Leben retten kann

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Ein 13-jähriges Mädchen in Nordrhein-Westfalen ist an den Folgen einer Masernerkrankung gestorben. Im Landkreis Aschaffenburg liegt eine Sechsjährige im Sterben.

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erstellt am 11.Nov.2011 | 10:53 Uhr

Ein 13-jähriges Mädchen in Nordrhein-Westfalen ist an den Folgen einer Masernerkrankung gestorben. Im Landkreis Aschaffenburg liegt eine Sechsjährige im Sterben. Beide Kinder hatten sich als Babys mit dem Virus angesteckt und waren erkrankt. Jahre später brach eine chronische Masern-Gehirnentzündung (SSPE) aus, die eine mögliche Spätfolge der Masern und unheilbar ist. Sie wird durch Viren ausgelöst, die ins Gehirn eindringen und dort Nervenzellen zerstören. Sieben Jahre liegen im Schnitt zwischen der Masern-Infektion und dem Ausbruch der ersten SSPE-Symptome. Die beiden Mädchen konnten plötzlich nicht mehr gehen, erkannten ihre Eltern nicht, konnten nicht mehr sprechen und essen. Binnen weniger Wochen wurden sie zum Pflegefall.

Die Spätfolgen der Masern können offenbar weit häufiger zum Tode führen als bislang angenommen. Statt eines Risikos von 1:5000 bestehe für Säuglinge, die sich im ersten Lebensjahr mit Masern anstecken, wohl ein Risiko von unter 1:200, sagte der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Sean Monks. "Die Masern sind also nicht die harmlose Kinderkrankheit, für die manche Leute sie halten", betonte auch Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut (RKI), das für den Infektionsschutz in Deutschland zuständig ist. "Und das Fatale daran: Ausgerechnet die Gruppe, die am stärksten gefährdet ist, kann noch nicht geimpft werden." Laut Empfehlung der Ständigen Impfkommission soll die erste Impfung im 11. bis 14. Lebensmonat erfolgen, die zweite im 15. bis 23. Monat.

95 Prozent der Erstklässler in MV vollständig geimpft

Die Säuglinge können sich nicht selbst schützen. Sie sind darauf angewiesen, dass die Menschen in ihrer Umgebung geimpft sind. Doch das ist in vielen Fällen - sei es aus Vergesslichkeit oder wegen einer generellen Impfverweigerung - nicht der Fall. Laut RKI sind in diesem Jahr deutschlandweit schon fast 1600 Menschen an Masern erkrankt. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 635. Auffällig ist dabei ein deutliches Ost-West-Gefälle. Während es in Baden-Württemberg bisher 523 Fälle und damit 48 Erkrankungen pro eine Million Einwohner gibt, sind es in Mecklenburg-Vorpommern drei Erkrankte, also rund zwei Fälle pro eine Million Einwohner. Ein ähnlicher Unterschied zeigt sich auch beim Anteil geimpfter Menschen, der Durchimpfungsrate, wie es die Experten sagen. "Zu DDR-Zeiten gab es eine formale Impfpflicht und das Impfen war in der Gesellschaft akzeptiert. Und das geben Eltern auch an ihre Kinder weiter", benennt Susanne Glasmacher den wesentlichen Grund dafür.

In Mecklenburg-Vorpommern haben nach Auskunft des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lagus) fast 95 Prozent der Einschüler beide Masern-Mumps-Röteln-Impfungen (MMR) erhalten. Damit liege MV gemeinsam mit Thüringen an der Spitze, betont Anja Neutzling. Diese Quote ist nötig, um die Masern in Deutschland und ganz Europa auszurotten. Dieses Ziel hatte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für 2010 gesetzt. Nachdem es im Vorjahr nicht erreicht wurde, wird es jetzt für 2015 angepeilt.

Für eine Impfung ist es nie zu spät, zumal das Risiko für schwere Komplikationen wie Lungen-, Ohren- oder Gehirnentzündung mit dem Lebensalter steigt. Erst im vergangenen Jahre hatte die Ständige Impfkommission ihre Empfehlung auf nach 1970 Geborene erweitert, die gar nicht oder nur einmal gegen Masern geimpft wurden oder deren Impfstatus unklar ist. Die Kosten für die Impfung, die bei niedergelassenen Ärzten oder den Gesundheitsämter erfolgen kann, werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Schon vor den ersten Symptomen ansteckend

Diese Altersgruppe ist besonders betroffen, weil die Masernimpfung erst Anfang der 1970er-Jahre in die Empfehlungen aufgenommen worden und die Impfquote dann erst nach und nach gestiegen sei, so Susanne Glasmacher. Bei den früher geborenen Menschen gehe man davon aus, dass fast alle selbst die Masern durchgemacht haben. Diese These stützen die Erkrankungsfälle: Betroffen sind hauptsächlich Jugendliche und junge Erwachsene.

Masern sind hoch ansteckend. Die Viren werden über Tröpfcheninfektion - also durch Husten, Niesen oder Sprechen - von Mensch zu Mensch übertragen. Die Inkubationszeit beträgt acht bis 14 Tage. "Die Krankheit beginnt mit hohem Fieber, deutlichem Krankheitsgefühl, Husten, Schnupfen und einer Bindehautentzündung der Augen", erklärt Anja Neutzling. Wenige Tage später bildet sich der typische Hautausschlag - rote Flecken, die zuerst hinter den Ohren auftreten.

Ansteckend ist die Krankheit allerdings schon etwa fünf Tage vor dem Hautausschlag, unter Umständen also vor den ersten nach außen sichtbaren Symptomen. Wer Kontakt zu einem Masernkranken hatte und nach heutigen Maßstäben nicht ausreichend geimpft oder immun ist, kann sich auch dann noch impfen lassen. Diese Impfung sollte innerhalb von drei Tagen erfolgen.

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