Urteil des BGH : Virtueller Spaß, reale Rechnung

„Pay by Call“ genutzt: Ein Jugendlicher spielt an einem Computer.
„Pay by Call“ genutzt: Ein Jugendlicher spielt an einem Computer.

Aufgrund einer 1250-Euro-Rechnung durch 0900er-Nummern zog eine Mutter jetzt bis vor den Bundesgerichtshof – mit Erfolg

svz.de von
06. April 2017, 20:45 Uhr

Es ist eine Horrorvorstellung vieler Eltern: Unbemerkt wählt der Sohn eine teure 0900er-Nummer an, immer wieder. Dann die böse Überraschung – eine Telefonrechnung von gut 1250 Euro. Mit seinem gestrigen Urteil lässt der Bundesgerichtshof (BGH) die Mutter aber nicht mit dem Schaden stehen. (Az. III ZR 368/16)

Was genau ist passiert?

Vor ein paar Jahren, mit 13, spielt der Sohn ein kostenloses Computerspiel. Bestimmte Vorteile haben Spieler aber nur, wenn sie sich virtuelle Ausrüstung kaufen. Das geht unter anderem durch Anrufe bei einer 0900er-Nummer („Pay by Call“). Der Sohn wählt sie 21-mal. Die Kosten stellt der Dienstleister der Mutter in Rechnung, auf deren Namen der Telefonanschluss läuft.

Wie funktionieren„Pay by Call“-Dienste?

Ein Anruf genügt, und es kann anonym und schnell gekauft werden. „Die Identifizierung läuft ausschließlich über den Telefonanbieter. Ich muss also keine Bankverbindung oder andere Kontaktdaten angeben“, erläutert Christine Steffen, Juristin bei der Verbraucherzentrale (VZ) NRW. Abgerechnet wird über die Telefonrechnung.

Kommt das bei digitalen Spielen häufiger vor?

Das Internet hat die Branche stark verändert. Früher wurden Spiele im Laden verkauft – heute ist es online jederzeit möglich, neue Inhalte zum Herunterladen bereitzustellen. Spiele für Smartphones oder Tablet-Computer gibt es in den App-Stores der Hersteller. Das eröffnet die Möglichkeit, Spiele zunächst einmal gratis anzubieten und Geld erst später für eine Premium-Variante oder zusätzliche Inhalte zu verlangen („Free to play“).

Welche Folgen hat das für die Nutzer?

„Wir denken, dass diese Art von Spielen die Position des Verbrauchers stärkt“, sagt Felix Falk, Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU). „Es ist immer möglich, kostenfrei zu spielen – und die allermeisten Nutzer entscheiden sich auch dafür.“ Verbraucherschützer sehen trotzdem Risiken und pochen auf mehr Transparenz. Ihrem Eindruck nach sind die Kosten nicht überall übersichtlich gestaltet. Viele kleine Beträge, oft hinter virtuellen Währungen versteckt, addierten sich dann schnell zu größeren Summen.

Was ist mit Kindern und Jugendlichen?

Sie können besonders empfänglich für die virtuellen Verlockungen sein. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen hat deshalb vor dem BGH erstritten, dass es keine Formulierungen geben darf, die speziell Kinder zum Kaufen auffordern.

Warum muss die Mutter nun nicht zahlen?

Der Frau kommt ein Paragraf aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch zugute. Demnach haftet grundsätzlich der Dienstleister, wenn eine Zahlung nicht autorisiert war. Nach Auffassung der Richter gilt das auch für „Pay by Call“. Und dass der Sohn kein Okay hatte, steht außer Frage.

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