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Das Ende der Langeweile : Verlernen wir das Nichtstun?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Internet surfen, chatten, spielen: Ohne Ablenkung geht nichts mehr. Experten warnen vor einem Kulturverlust.

Viele können es sich schon gar nicht mehr vorstellen: Im Wartezimmer des Doktors, an Bushaltestellen und auf Amtsstuben verbrachte man früher geraume Zeit mit Warten. Warten im Sinne von Nichtstun. Gegen die Wand starren. Ausharren und sich in Geduld üben. Heute gibt es das praktisch nicht mehr, weil nahezu jeder mit einem Smartphone ausgestattet ist und sich die Zeit mit Surfen, mit Chatten oder Spielen vertreibt. Das Ende der Langeweile – eine Erlösung?

Ohne Zweifel: Warten konnte quälend sein. Zum Beispiel beim Zahnarzt. Und doch meint der Philosoph Stefan Gosepath: „Wenn wir das Warten verlernen würden, wäre das ein kultureller Verlust.“ Warten können, hat etwas mit Selbstdisziplin zu tun. „Man ließ die Welt auf sich wirken. Man konnte nachdenken“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Peter Vorderer von der Universität Mannheim. „Dass das verschwindet, ist ein Problem. Das wird etwas sein, das uns nachhaltig verändern wird.“

Zum einen kann es das Denken beeinträchtigen. Von Kindern weiß man, dass sie nicht kreativ sein können, wenn sie jeden Tag ein vollgepacktes Programm haben. Sie brauchen die Langeweile, um selbst Ideen zu entwickeln. „In der Erfahrung des Wartens kann eine Chance liegen“, meint Gosepath, Professor an der Freien Universität Berlin. „Man braucht die Phasen des Nichtstuns, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.“ Man schaut aus dem Fenster, die Gedanken gleiten weg – plötzlich hat man einen Einfall. „Das ist natürlich nicht garantiert, aber wenn man keine Gelegenheiten schafft für solche Gedanken, dann kommen sie auch nicht“, sagt Gosepath.

Ebenso die Fähigkeit, genau hinzuschauen, könnte an Qualität verlieren, wenn das Warten vollends abgeschafft wird. Wenn man Morgen für Morgen an derselben Haltestelle wartete, fielen einem kleinste Veränderungen auf. Die Frau, die auch jeden Morgen da stand, trug einen neuen Mantel.

Galeristen auf der Kunstmesse Art Cologne äußern die Befürchtung, dass die heranwachsende Generation das Bildersammeln verlernen könnte – weil sie es eben nicht mehr gewohnt ist, immer wieder denselben Anblick zu ertragen. Die Bilder müssen im Sekundentakt wechseln.

Vorderer glaubt allerdings, dass das Warten ein Comeback erleben wird. Die ständige Kommunikation werde eine Gegenreaktion hervorrufen: „Ich bin davon überzeugt, dass wir uns diese Momente des Wartens zurückholen werden. Die Zunahme von Kommunikation in Situationen, in denen man bisher nicht kommuniziert hat – oder nur mit seinem direkten Gegenüber kommuniziert hat –, ist so dramatisch, dass es hier unweigerlich eine Gegenreaktion geben muss.“

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